Pfleiderer'scher Analogrechner und Stromgegenkopplung

wgh52
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Pfleiderer'scher Analogrechner und Stromgegenkopplung

Beitrag von wgh52 »

Edit: Die nachfolgende Diskussion wurde im Thema "HiFi auf den Punkt gebracht" von Peter M. Pfleiderer begonnen:
Zwodoppelvier hat geschrieben:Wie J. Manger, hat auch Hr. Pfleiderer die Einschwingverzerrungen elektroakustischer Wandler ins Visier genommen, wobei diese mit Messergebnissen anschaulich dargestellt werden.

Der vorgestellte technische Ansatz, die Probleme dynamischer Chassis zu beheben, wird nachvollziehbar hergeleitet, allerdings auf gehobenem Niveau (elektrische Äquivalenzschaltung eines Wandlers, Formeln).
Neben den beschriebenen Pfleid-Aktivboxen geht der Autor auch auf die Möglichkeit ein, vorhandene Boxen mit seiner Entzerrung nachzurüsten. Schaltungen hierzu werden gezeigt, immer unter Einsatz des sog. "Pfleid-TPS-Hybrids", dessen interne Schaltung leider nur als Blockschaltbild erscheint. Was die Nachrüstung etwas erschwert, ist der Aufwand an Messungen, um die Parameter für die Entzerrung zu bestimmen.
Hallo Eberhard,

danke für Deinen Beitrag! Ja, den Pfleid TPS Hybrid habe ich Mitte de 80er mal zur Optimierung meiner BM-3en ausprobiert; funktionierte zwar, aber man wusste eigentlich nicht so recht ob man wirklich das Optimum der Entzerrung erreicht hatte und Schwingneigung gab's auch. Der Analogrechner war so ausgelegt, dass man per Poti jeweils die Filterkoeffizienten veränderte, also immer alle Parameter beeinflusste. Frustrierend. Der TPS lag dann bis voriges Jahr "herum" und dann habe ich ihn an einen Interessenten verschenkt, der aber auch mehr schlecht als rech klarzukommen scheint. Herr Pfleid hat damals Patente angemeldet und die Innenschaltung nie preisgegeben.

Die heutigen digitalen Entzerrer (Convolver mit FIR Technologie) sind da um Grössenordnungen komfortabler, genauer und wirksamer. TPS -> Museum.

Soweit in aller Kürze...
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Fortepianus
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Beitrag von Fortepianus »

Hallo Freunde,

jaja, die Pfleidsche Entzerrung. Die Schaltung war, wie Winfried berichtet hat, recht schwierig abzugleichen. Ich habe in den 80ern etwas Ähnliches gemacht, bin aber technisch - mit Verlaub - noch ein kleines Stückchen weiter vorgedrungen als Pfleiderer damals. Ich will das kurz beschreiben.

Die Kraft, die eine Membran antreibt, ist B*l*I. B ist das Magnetfeld, l die Länge des Leiters in diesem Magnetfeld (die Schwingspule), und I ist der Strom, der durch diese Schwingspule fließt. Gut merken - der Strom, nicht die Spannung ist die Energie tragende Größe. Das ist deshalb wichtig, weil jeder normale Verstärker eine Spannung liefert und sich der Strom eben so einstellt, wie es eben der komplexe Widerstand der Schwingspule über das Ohmsche Gesetz veranlasst. Im Wesentlichen ist dies ein Widerstand mit einer Spule in Reihe geschaltet, aber es gibt eine Menge kleiner Nebeneffekte wie z. B. Wirbelströme, die ebenfalls einen Beitrag leisten.

Dieser antreibenden Kraft als actio stellt sich eine reactio als Gegenkraft entgegen. Sie hat im Wesentlichen folgende drei Bestandteile:

1. Die träge Masse der bewegten Teile (Membran, Schwingspule, Schwingspulenträger, Staubkappe etc.) stellt sich dem Antrieb entgegen. F=m*a, der alte Newton hat das rausgefunden. Die Grundgleichung der Mechanik. Also Kraft gleich Masse mal Beschleunigung.

2. Durch Reibung gibt es ebenfalls eine Gegenkraft. Bei den auftretenden Geschwindigkeiten gilt in guter Näherung F=r*v, Reibungskoeffizient mal Geschwindigkeit. Die Reibungskraft kommt z. B. durch die innere Reibung der Gummisicke und Zentrierspinne zustande, hauptsächlich aber durch die Reibung an der bewegten umgebenden Luft. Durch genau diesen Effekt kommt überhaupt die Schallabstrahlung zustande.

3. Die Rückstellkraft der sich bildenden Feder. Zum einen sorgt die Zentrierspinne und die Sicke für eine Rückstellkraft, zum anderen das eingeschlossene Luftvolumen in der Box (geschlossenes Gehäuse angenommen). F=d*s, Federsteife mal Auslenkung der Membran.

Ich schreibe das mal zusammen: B*l*I = m*a + r*v +d*s

Das ist die Schwingungsdifferenzialgleichung eines Lautsprechers, die gilt, solange sich seine Membran im linearen Auslenkungsbereich aufhält. Was heißt "Differenzialgleichung"?

Nun, es gibt eine Komponente, die vom Ort der Membran abhängt, eine, die von der Geschwindigkeit der Membran abhängt, und eine, die von der Membranbeschleunigung abhängt. Geschwindigkeit ist die Änderung des Ortes, Beschleunigung die Änderung der Geschwindigkeit. Mathematisch ausgedrückt die Ableitung nach der Zeit. Ableiten nennt man auch differenzieren. Da also s (der Ort), v=ds/dt (die Geschwindigkeit) und a=d²s/dt² (die Geschwindigkeit als zweite Ableitung des Ortes) auftaucht, nennt man das eine Differenzialgleichung zweiter Ordnung. Es ist die bekannte Schwingungsdifferenzialgleichung, die auch für jedes Masse-Feder-Pedel gilt. Und nichts anderes ist ein Lautsprecher. Umso erstaunlicher, dass man diesem Pendel einen linearen Frequenzgang anerziehen kann, nicht wahr?

Wenn Ihr das verdaut habt, erzähle ich, wie man das elektronisch linearisieren kann.

Viele Grüße
Gert

P.S.
Zwodoppelvier hat geschrieben:habe soeben auf der oben verlinkten Seite von Herrn Pfleiderer gesehen, daß es die Firma VoicePoint ist, welche seine aktive Entzerrertechnik in aktuellen Produkten einsetzt
Das Marketinggeblubber auf der ersten Seite hat mich ehrlich gesagt wenig animiert, dort weiter zu lesen :roll:
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wgh52
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Beitrag von wgh52 »

Fortepianus hat geschrieben:B*l*I = m*a + r*v +d*s
Nur um das von Gert wie gewohnt schön anschaulich Erklärte ins Licht zu rücken:
Dieses schwingende "Etwas", also Differentialgleichung bzw. Lautsprecher, kann man durch Steuerung (Analogrechner oder digitaler Convolver) und/oder Regelung (also Vergleich soll/ist) zähmen (also Nachschwinger/Überschwinger/Trägheit/Verzögerung beseitigen) und linearisieren (Phase und Amplitude).
Fortepianus hat geschrieben:...Das Marketinggeblubber auf der ersten Seite hat mich ehrlich gesagt wenig animiert, dort weiter zu lesen :roll:
Ging mir genauso.

Es gibt übrigens die Firma HiFi-Klangservice in Magdeburg, die die Pfleid Technologie weiterhin anbietet und (Aktiv-)LS auch nachträglich mit TPS Modulen ausstattet. Auch hier viel zu viel zu viel zu viel Text, allerdings mit interessanten Messergebnissen... Die Preisregion des Services entspricht in etwa einem guten digitalen Convolver: Der Anbieter nimmt die Einmessung am liebsten selbst vor (bedeutet zusätzlich Reisekosten) und fertigt dann fix eingestellte Module an. Einbau in die LS geht extra, es summiert sich also ganz schön. Ich bekam 2008 ein Angebot von 700 € je Modul, plus Reisekosten und ohne Einbau.

Gruss,
Winfried
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Zwodoppelvier
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Beitrag von Zwodoppelvier »

Hallo zusammen,

vielen Dank für Eure wertvollen Beiträge! Ja, sehr viel Text auf der Hifi-Klangservice-Seite; habe es nur überflogen, da ich das meiste bereits kenne. Was ich noch NICHT kenne, sind die neueren digital basierten Systeme. Da werde ich mich wohl mit reichlichem Zeitaufwand mal einlesen müssen...

Zum anstehenden Bau meiner aktiven Manger-Boxen - MSW + Bass (Altec?) - dachte ich zunächst an den Aufbau eines Vorschlages aus der Elektronik-Zeitschrift elektor, der aber bereits aus Anfang der 70er Jahre stammt. Zugegebenermaßen treibt mich da etwas die Nostalgie, denn dieses Konzept hätte ich damals gerne umgesetzt, aber ständige Schwierigkeiten mit den Verstärkern vereitelten dies (damals war ich 16 und hatte keinerlei Meßequipement). Ihr kennt das natürlich längst: die Geschichte mit der "negativen" Ausgangsimpedanz, hergestellt durch eine simple Mitkopplungsschaltung, wodurch die Basswiedergabe bis ca. 40 Hz oder darunter linearisiert werden sollte. Die wahlweise 2- oder 3-Wege-Frequenzweiche war natürlich für Vollaktiv-Betrieb der Box ausgelegt.

Nun, der letzte Abschnitt gehört eigentlich in meine Vorstellung als Forumsneuzugang - kommt demnächst etwas ausführlicher.

@ Gert: Bin gespannt auf Deine weiteren Ausführungen und froh, daß sich hier im Forum auch Mitglieder finden, die sich tiefer in die Materie hineingekniet haben und nicht nur fertige Aktivboxen betreiben.

Gruß Eberhard
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Fortepianus
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Beitrag von Fortepianus »

Hallo Eberhard,
Zwodoppelvier hat geschrieben:Zum anstehenden Bau meiner aktiven Manger-Boxen - MSW + Bass (Altec?) - dachte ich zunächst an den Aufbau eines Vorschlages aus der Elektronik-Zeitschrift elektor, der aber bereits aus Anfang der 70er Jahre stammt. Zugegebenermaßen treibt mich da etwas die Nostalgie, denn dieses Konzept hätte ich damals gerne umgesetzt, aber ständige Schwierigkeiten mit den Verstärkern vereitelten dies (damals war ich 16 und hatte keinerlei Meßequipement). Ihr kennt das natürlich längst: die Geschichte mit der "negativen" Ausgangsimpedanz, hergestellt durch eine simple Mitkopplungsschaltung, wodurch die Basswiedergabe bis ca. 40 Hz oder darunter linearisiert werden sollte. Die wahlweise 2- oder 3-Wege-Frequenzweiche war natürlich für Vollaktiv-Betrieb der Box ausgelegt.
das geht mit vergleichbarem Aufwand viel besser, ich werde das hier erzählen.
Nun, der letzte Abschnitt gehört eigentlich in meine Vorstellung als Forumsneuzugang - kommt demnächst etwas ausführlicher.
Da freuen wir uns drauf! Ich habe die Hoffnung, dass Du die Selbstbaufraktion wirst stärken können.

Also, Ihr habt die Schwingungsdifferenzialgleichung eines dynamischen Lautsprechers kennen gelernt. Der in der Vergangenheit übliche Schritt bei weiteren Überlegungen war nun, egal ob bei Linkwitz, Pfleiderer oder Thiele/Small, sich zunächst ein elektrisches Ersatzschaltbild mit Widerständen, Kondensatoren und Spulen zu überlegen, das sich elektrisch genauso verhält wie mechanisch unser schwingendes Gebilde, um dann in einem weiteren Schritt die dafür geeignete Linearisierungsschaltung suchen zu können. Man kommt dann für das Lautsprecher-Ersatzschaltbild auf eine Schaltung mit drei Widerständen, zwei Kondensatoren und zwei Spulen. Und genau mit diesem eigentlich für jeden Elektrotechniker nahe liegenden Schritt begibt man sich bereits auf den Holzweg. Warum?

Nun, ich will Euch die Rechnungen ersparen. Aber wenn man sich die Frage stellt, wie denn ein Korrekturnetzwerk für einen solchen Lautsprecher bzw. für sein elektrisches Ersatzschaltbild aussehen müsste, findet man z. B. die sog. Linkwitzkorrektur:

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Im Prinzip macht Pfleiderer auch nichts anderes. Er hat sich recht clever damals nicht eine solche Korrekturschaltung patentieren lassen - wäre auch gar nicht gegangen, Linkwitz war schon da - sondern die Gesamteigenschaft des Übertragungskanals aus Korrektur, Verstärker und Lautsprecher, die ein Rechtecksignal am Eingang (Musiksignal) wieder in ein Rechtecksignal am Ausgang (Schalldruck) abbildet.

So, und die Korrekturschaltung oben benötigt zum Abgleich drei Widerstandswerte und drei Kondensatorwerte, hat also sechs Parameter, an denen man drehen kann. Muss, genauer gesagt. Damit das nicht ein Fischen im Trüben wird, muss man dazu bestimmte Größen am eingebauten Lautsprecher wie Resonanzen und Güten messen und kann das dann in irgendwelche Formeln füllen (im Netz findet sich zum Download auch irgendwo ein Excelsheet, das die Rechnung macht).

Kennt man aber die Parameter nicht genau, kann man nicht einfach die Schaltung abgleichen, indem man an irgendeinem Poti dreht - die Parameter hängen alle irgendwie zusammen. Aber selbst, wenn man den Abgleich eigentlich sauber hinkriegt, bleibt die Korrektur unvollkommen, denn das Modell des Lautsprechers berücksichtigt viele Dreckeffekte nicht, die für einen recht komplexen Zusammenhang zwischen Strom und Spannung sorgen.

Mein Ansatz ist anders. Ich bleibe in der Welt der Mechanik und benutze eine Endstufe, die mit einer Spannung angesteuert wird und dafür einen Strom liefert - egal, welche Impedanz des Lautsprechers sich in den Weg zu stellen versucht:

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Wenn man sich nun die Frage stellt, wie denn die Korrekturfunktion U2 = f(U1) mathematisch aussehen muss, braucht man dazu keine besonders komplizierte Mathematik. Ich bin darauf gekommen, als ich im 2. Semester Elektrotechnik war - da habe ich noch gar nicht geahnt, wie komplex die Mathematik in späteren Semestern werden würde mit Rotationen und Divergenzen von Vektorfeldern oder Greenschen Funktionen zur Randwertberechnung. Die Lösung ist verblüffend einfach und mit wenigen Bauteilen in einem sog. Analogrechner umsetzbar.

Findet jemand die Lösung?

Viele Grüße
Gert
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Calvin
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Beitrag von Calvin »

Hi,

was Pfleiderer als 'Analogrechner' vorstellte, war im Grunde ein Biquadratischer Equalizer, eine Schaltung, die zu Zeiten der Patentierung lange schon keine Novität mehr war.

BB/TI hat einen dafür tauglichen Baustein mit sehr ausführlicher Dokumentation als ´Universelles Aktives Filter´ (UAF42) im Programm. Ist ein mittelmäßiger aber teurer 4-fach OP mit abgeglichenen Kapazitäten drauf. :wink:

Ausgehend davon, daß ein Lautsprecherchassis ein Minimumphasensystem darstellt (in dem Amplitudengang und Phasengang miteinander verknüpft sind) kann der Lautsprecher durch ein inverses Filter linearisiert werden, und zwar gleichzeitig in Amplitude und Phase (was Voraussetzung für die korrekte Wiedergabe eines Rechtecksignals ist).

Das funktioniert innerhalb gewisser Grenzen recht gut. Eine Dokumentation über so etwas gab es mal bei der Elrad 4/95 unter dem Titel "Vollkommen entzerrt, ein Entzerrer für ein aktiver Lautsprechersystem".
In Elrad 8/95 wurde mit dem Hawksford-Riley-Filter eine Schaltungstoplogie eines exakt symmetrisch laufenden, bauteilarmen und Toleranz-insensitiven Filters als Ergänzung vorgestellt.

Vorgehensweise des Autors war, die einzelnen Chassis mit biquadratischen EQs 1-2 Oktaven über den Arbeitsbereich hinaus zu entzerren, damit die akustischen Filterflanken den Vorgaben der dann folgenden aktiven Frequenzweiche entsprechen. Gemessen am Resultat bedeutete das einen ziemlichen Aufwand und viel Bauteile im Sinalweg.

Passive Lautsprecher zeigen dagegen, wie einfach es ist und mit wie wenigen Bauteilen man auskommen kann, wenn Frequenzweichen- und Entzerrerfunktion zusammengefasst werden. Das ist natürlich auch in Aktivtechnik machbar, wird jedoch erstaunlicherweise nur sehr selten angewandt. Diese Technik/Vorgehensweise wird allerdings vermehrt bei digitalen IIR-Filtern - und hier quasi indirekt - genutzt. Die elektrischen Filterfunktionen weichen natürlich von Standardfunktionen wie Bessel, Butterworth oder Linkwitz-Riley ab. Wichtig ist aber nur die resultierende akustische Filterfunktion. Die Reduktion an Bauteilen im Signalweg macht sich dann auf ihre Weise positiv bemerbar :)

jauu
Calvin
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uli.brueggemann
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Beitrag von uli.brueggemann »

Ich bin der Überzeugung, dass man jemandem am besten das zu tun gibt was er gerne tut. (Wieso muss ich eigentlich immer genau das Gegenteil erledigen? :mrgreen: ).

D.h., dass man mittels einer Frequenzweiche den Übertragungsbereich eines Treibers so wählen sollte, dass er eben auch gerne und mit Freude spielt. Er dankt dies denn auch mit niedrigeren Klirrwerten.

Natürlich antwortet das Chassis selbst dann immer noch minimalphasig. Die Inverse und damit die Korrektur davon ist selbst aber auch minimalphasig. Sie braucht im wesentlichen nur im Übertragungsbereich bzw. den Übergangsbereichen der Weiche stattfinden, lässt sich also mit einem gutmütigen Verhalten berechnen. Als Ergebnis verhalten sich dann Chassis und Weiche mit dem gewünschten Übertragungsverhalten der Weiche. Dann müssen nur noch die Weichen zusammenpassen. :D

Mit FIR-Filtern klappt das prima.

Grüsse, Uli
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phase_accurate
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Beitrag von phase_accurate »

Rein ueberlegungsmässig müsste mit Stromansteuerung eines Woofers eine Hochpassfunktion mit einem starken Peak entstehen. Mit welcher - als einfach zu bezeichnenden - Schaltung Du da korrigieren willst, sehe ich im Moment nicht so ganz.

Eine Methode, welche ich z.B schon das eine oder andere Mal angewendet habe, ist die Verwendung der Nachbildung, der zu kompensierenden Uebertragungsfunktion, in der Gegenkopplung einer invertierenden OP-Amp Stufe. Man muss allerdings aufpassen, dass die Sache nicht instabil wird.

Gruss

Charles


P.S. : Eine neuerer vollaktiver Speaker, welcher die Pfleiderer Schaltung benutzt, ist die Voice-Point
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Fortepianus
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Beitrag von Fortepianus »

Hallo Freunde,

ok. Ich erspare mir die mathematischen Zwischenschritte. Falls das einer nachbauen möchte, muss er das sowieso selbst durchrechnen. Das Ergebnis ist, wenn man die Konstanten geschickt normiert:

U2 = U1 + K1 * (Integral U1dt) + K2* (Doppelintegral U1dt²)

Entschuldigt, hier gibt es keinen Formeleditor. Was aber das Entscheidende ist gegenüber allen anderen Methoden zur analogen Vorsteuerung: Ich brauche die Chassisparameter gar nicht zu kennen! Ein Addierer und zwei Integrierer. Ok, technisch sind das dann Umkehrintegrierer, also Signal zweimal (umkehr-)integriert und dann einem Addierer/Subtrahierer zugeführt, der das Eingangsignal und das mit K2 bewertete Doppelintegral addiert und davon den einfachen mit K1 bewerteten Integrierer abzieht. Dafür braucht man 3 bis 4 OPs und zwei Potis plus ein paar Rs und Cs.

K1 und K2 sind als Potis ausgeführt. Die Schaltung wird abgeglichen, indem man K1 und K2 auf Null setzt und einen Sinusburst ungefähr bei der Chassis-Resonanzfrequenz als Eingangssignal verwendet. Auf einem Zweikanaloszi schaut man sich dann das Original und das mit einem Mikro im Nahfeld gemessene Schalldrucksignal an. Nun dreht man an den beiden Knöpfchen K1 und K2. Man sieht bei K2, wie die Ein- und Nachschwinger verschwinden. Mit K1 schiebt man die Phase so, dass das Signal im Nulldurchgang (wie der Originalburst) endet. Abgleich fertig. Chassis ist amplituden- und zeitkorrigiert. Geht aber nur gut mit Chassis, die keine Luftkämmerchen und Wirbelstrombremsen und was den Jungs noch alles einfällt besitzen, um den natürlichen Frequenzgang des Feder-Masse-Pendels irgendwie hinzufrisieren.

Es funktioniert prächtig. Ich habe das schon mit unzähligen Chassis gemacht, im Bass und im Mitteltonbereich. Im HT-Bereich gibt die Methode nicht viel her, falls der HT meist weit über seiner Resonanzfrequenz betrieben wird.

Viele Grüße
Gert
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uli.brueggemann
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Beitrag von uli.brueggemann »

Gert,

meiner Meinung nach entspricht das einer Geschwindigkeit- und Beschleunigungsvorsteuerung, die dem Lagesollwert zugeschaltet wird. Richtig?

Grüsse, Uli
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wgh52
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Beitrag von wgh52 »

Ich habe mir nochmal die originale TPS Abgleichanleitung angesehen. Prinzipiell scheinen die Verhältnisse zwar wie beschrieben, aber der Abgleich erfolgt über 10 Variable:
3 Integrations-Kondensatoren
7 Potis

Laut Prinzipschaltbild koppeln 3 Potis von drei(!) hintereinanderliegenden Integratoren auf den Eingangsaddierer und 4 vom Eingangsaddiererausgang und den Integratorausgängen auf einen Ausgangsaddierer. Ich kann das Prinzipbild bei Interesse gerne posten.

Diese 10 Variablen wirklich sinnvoll so zu kombinieren, dass das beste erreichbare Ergebnis entsteht, ist nicht wirklich geradlinig machbar. Die Einstellanleitung, die Pfleiderer damals vorgab, stellte sich trotz netter Bilder als nicht besonders sicher zielführend heraus, man wusste nie ob man am Ziel ist und Schwingneigung gab's auch. Mir waren mit dem Pfleid TPS Hybrid jedenfalls nur Teilerfolge beschieden, es wanderte in die Bastelkiste...

Gruss,
Winfried
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Fortepianus
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Beitrag von Fortepianus »

Hallo Uli und Winfried,
uli.brueggemann hat geschrieben:meiner Meinung nach entspricht das einer Geschwindigkeit- und Beschleunigungsvorsteuerung, die dem Lagesollwert zugeschaltet wird. Richtig?
so ähnlich. Man muss beachten, dass der Schalldruck der Membranbeschleunigung proportional ist. Wenn man das in die Gleichungen einsetzt, kommt heraus, dass der Koeffizient am Proportionalanteil der bewegten Masse entspricht. Den habe ich auf 1 normiert. Damit ist bei K1 und K2 gleich Null der Ausgang der Vorsteuerung gleich dem Eingang. Der Koeffizient vor dem ersten Integrierer gleicht den Reibungskoeffizienten aus (geteilt durch Masse wegen Normierung). Der Koeffizient am zweiten Integrierer entspricht der Federsteife (getielt durch Masse). Und bei stromgeregelter Endstufe lässt sich das ganze schwingende Gebilde durch diese zwei Koeffizienten abbilden!
wgh52 hat geschrieben:Laut Prinzipschaltbild koppeln 3 Potis von drei(!) hintereinanderliegenden Integratoren auf den Eingangsaddierer und 4 vom Eingangsaddiererausgang und den Integratorausgängen auf einen Ausgangsaddierer.
Pfleiderer braucht 3 Integrierer, weil er nicht strom-, sondern spannungsgegenkoppelt. Der dritte Integrierer muss die Induktivität der Schwingspule ausgleichen. Aber damit beginnt die Unzulänglichkeit seines Verfahrens: Diese Induktivität ist nämlich frequenzabhängig und auch noch nichtlinearen Effekten unterworfen.

Merkst Du was, Winfried? Meine zwei Koeffizienten machen das, was die Pfleidsche Vorsteuerung kann, viel einfacher und sogar genauer sowie unglaublich simpel abgleichbar. Als ich das rausgefunden habe, war ich 25 und habe überlegt, mich mit der Idee selbständig zu machen. Aber Pfleiderer hatte das Feld mit seinem Patent belegt, und auf dem Gegenkopplungsacker war Herr Müller der Herrscher. Also habe ich mich halt erst mit Kernfusion und dann mit Thomsonstreuung von Hochleistunglasern an Raumflugkörpern, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sind, beschäftigt :D . Und merke jetzt aber mit zunehmendem Alter, was mir eigentlich immer am meisten Spaß gemacht hat: Lautsprecher bauen :cheers: .

Viele Grüße
Gert
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Markus
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Beitrag von Markus »

Hallo Gert,

es ist immer wieder unterhaltsam Deine Beiträge zu lesen.
wgh52 hat geschrieben:Als ich das rausgefunden habe, war ich 25 und habe überlegt, mich mit der Idee selbständig zu machen. Aber Pfleiderer hatte das Feld mit seinem Patent belegt, und auf dem Gegenkopplungsacker war Herr Müller der Herrscher. Also habe ich mich halt erst mit Kernfusion und dann mit Thomsonstreuung von Hochleistunglasern an Raumflugkörpern, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sind, beschäftigt . Und merke jetzt aber mit zunehmendem Alter, was mir eigentlich immer am meisten Spaß gemacht hat: Lautsprecher bauen
Gert, ich habe den Eindruck Du wirst das (Forschungs-)Feld jetzt von Hinten aufrollen.

Streuende Grüße
Markus
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wgh52
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Beitrag von wgh52 »

Hallo Gert,
Fortepianus hat geschrieben:...Merkst Du was, Winfried? ...
Ja, "Stromendstufen" erweisen immer wieder als überaus "nützlich" gegenüber "Spannungsendstufen" ... :cheers:

Mal einige weiterführende Fragen:
Wäre Deine zweistufig integrierende Analogrechenmethode nicht nützlich um bei latenzzeitbegrenzten Systemen die Gruppenlaufzeit des Bassbereiches analog zu begradigen anstatt die lange Latenz (Audiovolver ca. 0,7 Sek.) von DSP Lösungen in Kauf nehmen zu müssen? "Beissen sich" Vorsteuerung und Regelung hier (was ich eigentlich erstmal nicht glaube, wenn die Regelung beim Abgleich "an" ist)? Oder habe ich vielleicht etwas missverstanden?

Gruss,
Winfried
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Beitrag von Fortepianus »

Hallo Winfried,
wgh52 hat geschrieben:Wäre Deine zweistufig integrierende Analogrechenmethode nicht nützlich um bei latenzzeitbegrenzten Systemen die Gruppenlaufzeit des Bassbereiches analog zu begradigen anstatt die lange Latenz (Audiovolver ca. 0,7 Sek.) von DSP Lösungen in Kauf nehmen zu müssen?
Die Analogrechnermethode funktioniert wie gesagt gut, sie ist aber einer Regelung dennoch unterlegen. Sie kann nämlich keinerlei nichtlineare Effekte beseitigen. Und eine gut gemachte Regelung kann auch hier punkten - wie z. B. einen extrem niedrigen Klirr ermöglichen, haben wir ja schon durchdekliniert hier im Forum. BM macht ja genau das: Der geregelte Bass einer Line 15/25/35/50 umgeht ja genau dieses Latenzproblem. Bei reiner Musikwiedergabe ist es egal, ob man ein paar hundert ms Verzögerung hat. Will man einen FIR-entzerrten Lautsprecher in einer Heimkinoumgebung (zusammen mit Bild) einsetzen, ist es ein Problem - und das wird bei BM durch die Kombi "Bass geregelt + Mitte und Höhen FIR-entzerrt" gelöst.
"Beissen sich" Vorsteuerung und Regelung hier (was ich eigentlich erstmal nicht glaube, wenn die Regelung beim Abgleich "an" ist)? Oder habe ich vielleicht etwas missverstanden?
In der Tat beisst sich das. Deshalb hat das damals auch nicht geklappt, als Du das mit der BM3 probiert hast. Ich habe da bei meiner damals noch mit der Magnetgegenkopplung ausgerüsteten BM20 (funktioniert genau wie in der BM3) auch rumprobiert. Auf den ersten Blick sieht das verlockend aus, denn die Magnetgegenkopplung hat prinzipbedingt stromgegengekoppelte Endstufen an Bord. Meine Idee damals war, in der Regelungs-Schleife das Chassis mit der analogen Vorsteuerung soweit zu linearisieren, dass man die Regelung deutlich straffer ziehen kann. Das funktionierte aber nicht zufriedenstellend. Der Grund ist, dass die magn. GK wie auch die heute noch verwendete v-Sensor-GK ein völlig neues Gesamtsystem darstellt - ein Wandler, der aus der Eingangsspannung eine Membran-Geschwindigkeit macht. Deshalb muss das Signal erst mal integriert werden, damit da der gewünschte Schalldruck rauskommt. Dafür muss die Analogrechnerschaltung aber anders aussehen - und leider einen Differenzierer enthalten, der analog wie digital nicht vernünftig (Rauschen etc.) hinzukriegen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass das Basssystem bei der BM3 nur bis ca. 200Hz vernünftig gegengekoppelt ist und darüber in ein normales ungeregeltes System übergeht - weshalb der Eingangsintegrierer bei 200Hz in ein Linearglied übergeht. Dieses teilgeregelte stromgegengekoppelte System der BM3 nun mit einer Analogrechnerschaltung für einen spannungsbefeuerten ungeregelten Lautsprecher (die Pfleidsche Analogrechnerschaltung) linearisieren zu wollen, muss natürlich schief gehen.

Viele Grüße
Gert
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