Was wir zur Zeit hören

Klangperlen und künstlerische Leckerbissen
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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„wie Melomane zum aktiven Hören kam“

Beitrag von Melomane »

Hallo,

ich höre mich gerade durch die digitalisierten LPs dieser Ausgabe:

https://www.discogs.com/de/release/1008 ... -His-Times

Also Klemperers letztes Konzert vor Publikum. Später gab es noch einige Aufnahmen im Studio, bevor er dann 88jährig 1973 verstarb.

Und ja, der Klemperer ist eine interessante Persönlichkeit. In der Weimarer Republik an damals moderner Musik und moderner Präsentation interessiert und auch infolge dessen einer der bedeutendsten Dirigenten. 1933 ging er dann fort wie so viele andere. Und fand nach Deutschland nicht so richtig wieder zurück nach dem Krieg. Die Positionen für Dirigenten waren halt besetzt. Und so hatte er das Glück, in den 50ern bei EMI in England zu landen und dort zahlreiche Aufnahmen zu machen. Bis die in Deutschland ankamen = wahrgenommen wurden, dauerte es auch. Braun eingefärbtes Nachkriegsdeutschland, das Böhm & Co. bevorzugte?

Ich glaube, es war Jörg (alcedo), der von Klemperers Strenge bei der Aufnahme der Brahms-Symphonien schrieb. Ich möchte das heute weniger Strenge als vielmehr Kraft nennen. In der oben erwähnten Box sind auch Filmdokumente. In denen heißt es sinngemäß, dass das Philharmonia Orchestra mit glänzenden Blechbläsern über einem intensiven Streicherklang sich präsentiert habe wie es damals in London sonst nicht anzutreffen war. Und ja, das meine ich zu vernehmen bei diesen Live-Aufnahmen. Die erscheinen mir in der Tat intensiver als die Studioproduktionen mit Klemperer. Es gibt wohl noch viel zu entdecken, wenn man erstmal angefangen hat.

Und zum Thema Tempi bei Klemperer noch ein Nachtrag: Es wurde ihm vorgehalten, dass er im Alter zu langsam dirigiert habe. Das mag stimmen im Vergleich zu seiner Zeit vor 1933, aber im Filmmaterial der Box äußern sich Musiker seines (New) Philharmonia Orchesters dahingehend, dass sie das schön fanden, weil sie Zeit gehabt hätten, zu spielen. Und so sollte man darüber nachdenken, ob nicht all diejenigen, denen man langsame Tempi nachsagte, vielleicht doch besser unterwegs waren als die, die in schnellen Tempi das Richtige sahen.

Viele Grüße

Jochen
Hans-Martin · „wie Hans-Martin zum aktiven Hören kam“
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„wie Hans-Martin zum aktiven Hören kam“

Beitrag von Hans-Martin »

Hallo Jochen,
ich sehe einen langen Weg von jugendlichem Ungestüm, "den Minutenwalzer in 45 Sekunden zu spielen" bis zum Besonnenheit und tieferes Verständnis des Werks ausdrückende Tempoveränderung.
Dass man häufig von "Tempi", der Pluralform, spricht, besagt ja auch, dass in einem Werk eine Stetigkeit des Tempos nicht gerade der Hit sein muss, vielmehr ist die Nuancierung/Variation der Tempi ein interpretatorisches Stilmittel, wogegen die festgeschriebenen Noten es kaum zulassen, von ihnen abzuweichen.
Für mich ist die beste Beschreibung von Musik: eine nonverbale Kommunikation, die imstande ist, Landesgrenzen zu überwinden, ähnliche-bis-identische Emotionen zu übertragen.
In der Rhetorik sind Pausen an der richtigen Stelle manchmal wichtiger als das richtige Wort am richtigen Platz, im geschriebenen Wort sind es Satzzeichen.
Wenn es um die Fähigkeit geht, sich auszudrücken, ist das Timing in allen Kategorien ein sehr wichtiges Mittel.
Ich habe bei mir im Laufe der Jahrzehnte Veränderungen festgestellt, was die Bewertungen des Gehörten betrifft, da würde ich sogar wagen, Begriffe wie "Reife" oder "Reifung" zu verwenden.
Eines meiner Schlüsselerlebnisse war bei den Göttinger Orgeltagen, wo ein französischer Organist gerade noch rechtzeitig vom Bahnhof eintraf, der furios-virtuos begann, dann aber sein Tempo deutlich erkennbar dem Nachhall der Kirche anpasste, langsamer spielte.
Dass Musiker und insbesondere der Dirigent den Saal mit einbeziehen, im Gesamtergebnis berücksichtigen, muss gestattet sein.
Wenn ich eine Variation der Tempi als zu krass empfinde, schon als affektiert bezeichnen würde, gebe ich den Tonträger gern an andere Musikfreunde weiter, möglicherweise fühlen die sich davon mehr angesprochen, wo es mich eher abgestoßen hat.

Ein anderes, angrenzendes Thema ist Miles Davis Kind of Blue, wo es 30 Jahre dauerte, bis ich mit dieser Musik zurechtkam (korrigierte Version), nachdem man anhand eines Kontrollbandes festgestellt hatte, dass das Bandgerät im Studio etwa 2% zu langsam lief, weshalb die Tonträger die erste Session zu schnell spielten, aber auch mit dem Fehler der Tonhöhe und der Disharmonie für meine Ohren.
Das Thema "Tempi" ist facettenreich und in seiner Vielfalt vermutlich einen eigenen Thread wert... auch, wenn es beim Thema "was wir zur Zeit hören" allgegenwärtig ist...
Grüße
Hans-Martin
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Melomane »

Hallo Hans-Martin,
Hans-Martin hat geschrieben: 02.06.2026, 00:39 Eines meiner Schlüsselerlebnisse war bei den Göttinger Orgeltagen, wo ein französischer Organist gerade noch rechtzeitig vom Bahnhof eintraf, der furios-virtuos begann, dann aber sein Tempo deutlich erkennbar dem Nachhall der Kirche anpasste, langsamer spielte.
Dass Musiker und insbesondere der Dirigent den Saal mit einbeziehen, im Gesamtergebnis berücksichtigen, muss gestattet sein.
Dazu ein Erlebnis neulich. Es war das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin zu hören. Zunächst mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninow, dann kam die Symphonie fantastique von Berlioz. Am Flügel Mao Fujita. In der Pause Gemaule von einigen wenigen Besuchern: Der Pianist sei ja gar nicht "aus sich herausgegangen". Ich dachte nur: Wenn er das hätte tun sollen, hätte man ihm einen passenden Flügel hinstellen müssen. Hatte man aber nicht, ich habe vergessen, welches Fabrikat hier zum Einsatz kam. Ein "aus sich herausgehen" hätte der jedenfalls nicht angemessen abbilden können. Und somit Hut ab vor den Musikern, zunächst dem Pianisten, der offenbar wusste, was für einen Flügel er da hat. Aber auch vor dem Orchester, das - so mein erster Eindruck - a bisserl belegt spielte. Nach der Pause beim Berlioz war dann ein ganz anderes Orchester zu vernehmen. Das brauchte jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen. Es hatte vor der Pause offenbar zurückhaltend, den Bedingungen angemessen gespielt. Und leise zu sein, ist nicht immer leicht. ;) Jedenfalls beim Berlioz Dynamik, Klangfarben - sehr schön, aber eben auch auf den Raum abgestimmt und nicht mit zu großem Auftritt. Und damit auch Hut ab vor dem Dirigenten Constantinos Carydis, das Orchester so leitete, dass es jeweils passend war. Spannendes Konzert auch in dieser Hinsicht.

Und - geht doch nichts über ein richtiges Konzert live. Wenn es denn gut ist.

Kleine Anmerkung noch: Das Orchester war früher das RIAS-Symphonie-Orchester, dann Radio-Symphonie-Orchester Berlin. Fricsay und andere Namhafte waren da Dirigent. Ist heute natürlich Schnee von gestern, aber einer, an den man sich gerne erinnern mag:

https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches ... ter_Berlin


Viele Grüße

Jochen
Newton · „wie Newton zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Newton »

Hallo zusammen!
Ich hatte gestern das Vergnügen, Julian Prégardien und Kristian Bezuidenhout im Kleinen Saal der Elbphilharmonie live mit Franz Schuberts „Die schöne Müllerin“ zu hören. Es hat mich ergriffen und der Abend wirkte nach. Deshalb habe ich heute direkt die gesamte Aufnahme noch einmal durchgehört.

Der junge Müller verliert sich in seinen Vorstellungen, ganz gefangen in sich selbst. Er glaubt, was er fühlt – was tragisch endet: Zwanzig Lieder, ein Weg in den Bach ... und in den Tod. Die Aufnahme hat eine Leichtigkeit, die den naiven Burschen wirklich jung und verletzlich klingen lässt.
Prégardien/Bezuidenhout, Schubert: Die schöne Müllerin. hm/Bertus HMM 902739, 2023.
Dateianhänge

Müllerin.jpg

Horse Tea · „wie Horse Tea zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Horse Tea »

Hallo Andreas,

ich habe Julian Prégardien auch schon oft gehört, zumal er ganz in der Nähe eine (musikalische) Brentanoakademie betreut, die in recht intimen Kreis (< 20 Zuhörer) operiert.

Wir haben am 31.5. einen anderen Sänger, den Tenor Daniel Johannsen mit einem Schubert Programm ("Lieder ohnegleichen") gehört, das es auch auf CD gibt. Wir kannten ihn vorher nicht und waren außerordentlich begeistert. Stimmlich sehr prägnant und extrem ausdrucksstark, jedes Wort wird inhaltlich durch den Gesang erläutert und auch schauspielerisch hervorragend ergänzt.

images.jpg

"Die schöne Müllerin" gibt es von ihm auch auf CD und noch viele mehr...

Viele Grüße
Horst-Dieter
Horse Tea · „wie Horse Tea zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Horse Tea »

Melomane hat geschrieben: 01.06.2026, 22:28 Und zum Thema Tempi bei Klemperer noch ein Nachtrag: Es wurde ihm vorgehalten, dass er im Alter zu langsam dirigiert habe. Das mag stimmen im Vergleich zu seiner Zeit vor 1933, aber im Filmmaterial der Box äußern sich Musiker seines (New) Philharmonia Orchesters dahingehend, dass sie das schön fanden, weil sie Zeit gehabt hätten, zu spielen. Und so sollte man darüber nachdenken, ob nicht all diejenigen, denen man langsame Tempi nachsagte, vielleicht doch besser unterwegs waren als die, die in schnellen Tempi das Richtige sahen.
Hans-Martin hat geschrieben: 02.06.2026, 00:39 Dass man häufig von "Tempi", der Pluralform, spricht, besagt ja auch, dass in einem Werk eine Stetigkeit des Tempos nicht gerade der Hit sein muss, vielmehr ist die Nuancierung/Variation der Tempi ein interpretatorisches Stilmittel, wogegen die festgeschriebenen Noten es kaum zulassen, von ihnen abzuweichen.
Hallo Jochen, hallo Hans-Martin,

das Thema Tempi ist vielschichtig. Einerseits sind die traditionellen Begriffe wie Largo und Allegro historisch gewachsen, andererseits legen sie das Tempo nicht wirklich fest und erlauben einen Spielraum. Am einfachsten ist das am Andante zu verstehen, jeder weiß, dass man schnell oder langsam gehen kann.

Andererseits gibt es seit der Beethoven Zeit ein Metronom und speziell die Tempoangaben bei diesem Komponisten sind heute noch ein Rätsel. Ich glaube, dass man in der Zeit von Klemperer die Metronomangaben bei Beethoven als unspielbar eingestuft und daher als nicht "so gemeint" klassifiziert hat. Heute ist man sich nicht mehr so sicher, ob er das nicht doch ernst gemeint haben könnte. Speziell bei Beethoven sind daher in den letzten Jahren teilweise atemberaubende Tempi zu hören. Da hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass heutige Interpreten auf Grund höherer technischer Anforderungen in der Ausbildung in der Lage sind schneller zu spielen, als damals. Aber klingt das auch schöner? Bestimmt nicht immer und daher neige ich dem Urteil der von Jochen zitierten Musiker und seinem Urteil zu, dass Ausdruck und Emotion leiden können, wenn (zu) schnell gespielt wird.

Nicht zuletzt sind wir alten Säcke auch vor 30-50 Jahren musikalisch sozialisiert worden (und was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht). Insofern bin ich mir nicht sicher, ob wir uns wirklich mit der Zeit ändern (s.o.).

Viele Grüße
Horst-Dieter
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Beitrag von Melomane »

Hallo Horst-Dieter,

zum Thema Veränderung ein Zitat:

"Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten:
'Sie haben sich gar nicht verändert.'
'Oh!' sagte Herr K. und erbleichte.

Bertolt Brecht"

Wir verändern uns gewiss. Vielleicht nicht unbedingt immer zum Guten. Das Thema musikalische Sozialisierung ist aber schon eines. Ich hatte einen Kollegen, der mit CDs/digital aufgewachsen war und sich nicht vorstellen konnte, das die ollen LPs/analoge Produktionen auch gut klingen können. Bis er dann mal bei mir solche hörte und sich auch einen Plattenspieler kaufte. Wichtig ist doch, dass man sich die Neugier bewahrt. Und dann gerne auch mal als alter Sack historisch informierte Interpretationen hört. Und sich seine Meinung bildet. Die aber nicht als absolut gültig vor sich her trägt. Sondern sich an dem erfreut, was präsentiert wird.

Apropos Harnocourt. Der wohl bei Böhm die Krise bekam und weglief und seine eigenen Vorstellungen umsetzte. Aber auch sagte, er habe bei keinem anderen so viel über das Dirigieren gelernt wie bei Klemperer.

Also die Welt ist nicht nur schwarz oder nur weiß, sie ist bunt. Und das nehme man wahr und freue sich. Z.B. auf die nächste LP. Und so höre ich gerade das Digitalisat von dieser:

https://www.discogs.com/de/release/3806 ... Si-B%C3%A9

Und die gefällt mir sehr.

Viele Grüße

Jochen
Horse Tea · „wie Horse Tea zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Horse Tea »

Hallo Jochen,

ich bin verblüfft, denn das op. 130 wird auf dem Forumstreffen in einer Woche breiten Raum einnehmen. Das liegt daran, dass Harald von der Interpretation des Malion Quartetts eine exzellente live Aufnahme gemacht hat, bei der meine Frau und ich dabei waren. Und da der 4. Satz mit der Bezeichnung "Alla danca tedesca" exakt zu meinem Workshopthema passt, habe ich mich da für das Forum drangehängt. Mehr will ich nicht verraten, als dass ich bei den zugehörigen Erläuterungen einem tausendmal kompetenteren Zeitgenossen den Vortritt überlassen werde.

Zu den Zeiten: Meine Frau vertritt die Position, dass es nicht aufs Alter ankommt, sondern auf den/die Musiker bzw. Interpreten. Wir sind uns aber einig, dass eine exzellente Interpretation unter schlechter Aufnahme- und Klangquailität so stark leidet, dass wir diese nicht oft hören wollen. Ein gutes Beispiel ist der Vergleich des Kl.konz. Nr. 5 von LvB zwischen der Aufnahme von Barenboim/Abbado aus 1994 und der von Olafsson/Bychkov vom 30.5.2026. Letztere Interpretation hat uns gar nicht gefallen, während das über 30 Jahre alte Europakonzert aus Meiningen eine schlechte Klangqualität hat.

Viele Grüße
Horst-Dieter
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Beitrag von Melomane »

Hallo,

mal wieder LP digitalisiert:

https://www.discogs.com/de/release/7980 ... onie-Nr95-

Gefällt im Kopfhörer sehr gut. Würde man heute gewiss nicht mehr so spielen, aber die Klangfarben gefallen mir sehr gut, neben der strukturierten Darbietung und der dynamischen Gestaltung.

Viele Grüße

Jochen
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