Rising Stars

Klangperlen und künstlerische Leckerbissen
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Horse Tea · „wie Horse Tea zum aktiven Hören kam“
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„wie Horse Tea zum aktiven Hören kam“

Beitrag von Horse Tea »

Heidelberger Frühling 2026

Hallo zusammen,

nach einem kleinen Schub(s) von Jörg (alcedo), hier der Bericht eines Konzertes vom diesjährigen Heidelberger Frühling. Ich habe es unter die Überschrift „Rising Stars“ gesetzt, um Gelegenheit zu geben, hier zukünftig auch andere junge Musiker vorzustellen.

In diesem Jahr kehrte das Festival nach Jahren wieder in die umgebaute Stadthalle zurück. Die Renovierung hat sich auch für den Zuhörer gelohnt, denn die Sitze und die Akustik wurden deutlich verbessert. Schon länger gilt beim Heidelberger Frühling ein besonderes Augenmerk dem Nachwuchs. Seit der Coronazeit wurde dies noch verstärkt und ein eigenes Teilprogramm eingerichtet, das über den Fonds Zukunftsmusik einen Festivalcampus finanziert (https://www.heidelberger-fruehling.de/m ... unftsmusik). Dieser gibt einem ,,Festivalcampus-Ensemble“, einer Gruppe junger, hochkarätiger Musiker*innen, die Möglichkeit sich in einer Residenz von insgesamt zwanzig Tagen dem Konzipieren eigener Konzerte und Konzertformate zu widmen. Der Idee und den Sponsoren möchte ich dafür auch an dieser Stelle huldigen, denn ich habe es an meiner Lehrerin erlebt, wie 2020 plötzlich sämtliche Einnahmequellen („Mucke machen“) weggebrochen sind, wenn man nicht das Glück hatte, in einem staatlichen Orchester o.ä. zu spielen.

Obwohl wir auch andere Konzerte des Heidelberger Frühlings besucht haben, möchte ich mich hier auf eins des Festivalcampus-Ensembles beschränken, aber jeden ermutigen, sich einmal das ganze, überaus reichhaltige Programm genauer anzusehen. Das Konzert hatte den Titel: „Altstaedt. Levit. Festivalcampus - Große Wunderkammer“ und dauerte dreieinhalb Stunden, unterbrochen von zwei Pausen, beides ungewöhnlich für ein Konzert in kleiner Besetzung.

Genauso außergewöhnlich war die Programmzusammenstellung. Zunächst das Cellokonzert C-Dur von J. Haydn, dann das Klavierkonzert A-Dur K. 414 von W. A. Mozart und der Quartettsatz c-Moll D 703 von F. Schubert. Umrahmt und zeitlich den größeren Raum einnehmend, wurden diese von Musik des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von den 16 Nachwuchsmusikern (s.o.), die den Streichorchesterpart besetzten (acht Violinen, drei Bratschen, zwei Celli, ein Kontrabass).
Noch nie haben wir das Haydn-Konzert so beschwingt, heiter, aber auch transparent und tonschön gespielt gehört, wie durch Nicolas Altstaedt. Soweit ich das ersehen konnte, verwendete er ein Barockcello und einen Barockbogen, das für uns schöner klang als das berühmte Mara. Interessant, weil Haydn ja ohne Zweifel der Wiener Klassik zuzurechnen ist. Allerdings wurde die Komposition daran bereits 1761 begonnen, also nur elf Jahre nach dem Tod von J. S. Bach und damit in einer Übergangszeit nach dem Barock.

Zu unserer Begeisterung trugen auch die jungen Streicher bei, die überaus dynamisch agierten und maßgeblich zur Durchhörbarkeit beitrugen. Die einzelnen Instrumentengruppen wurden sehr markant herausgearbeitet, wobei wir insbesondere die Bratschenstimmen wie in dieser Aufführung noch nie so eigenständig gehört haben. Einfach bewundernswert und mustergültig historisch informiert. Wenn man jemand von den Streichern herausheben will, dann den „Konzertmeister“ Benjamin Günst (https://www.benjamin-guenst.de/), der bereits 2024 und 2025 Mitglied des Festivalcampus war, Leanne McGowan (https://leannemcgowan.com/home), ebenfalls Geige und die Bratscherin Karolina Errera (https://www.karolinaerrera.com/). Alle drei sind jeweils in diesem Jahr noch zu hören, vornehmlich in Berlin, wo sie überwiegend tätig sind, aber auch anderswo in Deutschland und der Schweiz.

Das Klavierkonzert von Mozart wurde von Igor Levit perfekt, auch sehr gefühlvoll, ja zärtlich gespielt. Der Solist interagierte gut mit den Streichern, auch wenn er dabei nicht sehr freudvoll dreinsah. Vielleicht bekümmerte ihn, wie so viele momentan die allgemeine Weltlage, aber das ist eine reine Spekulation von mir. Beim Steinway wurde die sehr gute Akustik nach dem Umbau der Stadthalle besonders deutlich. Wir hatten Plätze in der dritten Reihe genau in der Mitte. Dort in ca. 5m Abstand klingt ein Flügel mit geöffnetem Deckel nur dann angenehm, wenn der Anschlag des Pianisten und die Akustik stimmen.

Die klassischen Kompositionen wurden von fünf Werken aus dem 20. Jahrhundert umrahmt, das Hauptwerk von Giacinto Scelsi mit Titel „Chukrum I-IV“ (1963), sowie von H. W. Henzes „Neue Volkslieder und Hirtengesänge für Fagott, Gitarre und Streichtrio“ (1996). Solistin war die Fagottistin Michaela Spackova (https://www.michaelaspackova.com/about-de/), die mit dieser uns bis dato unbekannten Komposition beeindruckte. Mir spielte sie zumindest in den ersten Sätzen etwas zu leise für ein Solofagott und auch der Klang des Fagottes war nicht absolute Spitze (ich tippe auf ein Yamaha). Das ist jedoch nur ganz leise Kritik und vielleicht nur zu merken, wenn man selbst ein Fagott zu Hause hat. Die anderen modernen Kompositionen waren von Sandor Veress „Transsilvanische Tänze“ (1944), von Arvo Pärt „Cantus in Memoriam Benjamin Britten“ (1977) und von Olli Mustonen „Nonetto II“ (2000). In all diesen Kompositionen konnten die Streicher brillieren. Für uns war es ein Erlebnis und ein Vergnügen, diese Werke kennen gelernt zu haben. Dass sich Nicolas Altstaedt auch sehr für die Aufführung moderner Komponisten einsetzt und bei fast allen Werken mitgespielt hat war ganz sicher auch von hoher Bedeutung für die Prgrammauswahl und die Interpretation.

Zum Schluss der Apell einmal ein Konzert der verlinkten Musiker zu besuchen. Das macht gerade zeitgenössische Kompositionen leichter zugänglich, als sie zu Hause zu hören. Das geht jedenfalls uns so, sollte aber niemanden daran hindern, mal bei JPC oder Qobuz zu suchen, wenn er das Programm gerne zu Hause nachhören möchte.

Viele Grüße
Horst-Dieter
Hironimus_23 · „wie Hironimus_23 zum aktiven Hören kam“
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„wie Hironimus_23 zum aktiven Hören kam“

Beitrag von Hironimus_23 »

Hallo Horst-Dieter,

danke für deinen eindrucksvollen Bericht. Das macht Lust nach den Werken und den Musikern zu suchen sie mal anzuhören. Nicolas Altstaedt kannte ich ja zumindest von einer Albumaufnahme :wink: .

Auch werde ich mal schauen, ob und wann die Musiker in den Hamburger Konzerthäusern auftreten.

Viele Grüße
René
Newton · „wie Newton zum aktiven Hören kam“
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„wie Newton zum aktiven Hören kam“

Beitrag von Newton »

Hallo Horst-Dieter,

vielen Dank für diesen ausführlichen und anschaulichen Bericht! Heidelberg ist geografisch nicht meine Ecke, aber solche Schilderungen haben ihren eigenen Wert. Das Festivalcampus-Konzept kannte ich nicht; schön zu lesen, dass es offenbar so gut funktioniert.

Viele Grüße
Andreas
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