Aktiver Vinyl-Genuss - für die Unverbesserlichen ...

Klangperlen und künstlerische Leckerbissen
Boxentroll · „wie Boxentroll zum aktiven Hören kam“
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„wie Boxentroll zum aktiven Hören kam“

Beitrag von Boxentroll »

Hallo zusammen,

ich habe mir vor anderhalb Jahren auch wieder einen Plattenspieler angeschafft und höre seitdem auch wieder ein wenig Vinyl.

Eigentlich ziemlich schräg, denn ich habe vor 20 Jahren meine etwa 2000 LPs nebst aufwendiger Abspielmaschinerie verkauft.
Die Gründe für den Wiedereinstieg könnte ein Psychologe wahrscheinlich besser erklären als ich, aber ich habe die Platten und das Sammeln doch vermisst.

Mein Schwerpunkt liegt auf Orgelaufnahmen - hier gibt es verhältnismäßig viele, die nicht digial vorliegen (youtube klammere ich mal aus). Genau dort treibe ich mich herum. Psallite, Harmonia Mundi France, Pelca, opus3, etc. Zu den Gründen später mehr.

Und ich kaufe ein paar Scheiben (Klassik, alte Musik), die ich früher sehr oft gehört habe. Und solche, die ich früher nicht ergattern konnte. Nostalgie, Kompensation, ... was weiß ich.
Zum Beispiel kam diese Woche Maags Aufnahme von Mendelssohns Dritter an - als Ace of Diamonds SDD 145. Ich mag die Aufnahme sehr. Mein Favorit ist Manzes Einspielung mit der NDR Radiophilharmonie (pentatone).

Dann sind da noch ein paar Platten, die ich mir gekauft habe, um mir einen klanglichen Vergleich der Systeme zu ermöglichen, ohne dieses Thema jetzt hier allzusehr vertiefen zu wollen.
Obwohl meine Vergleichsmöglichkeiten diesbezüglich bisher begrenzt waren (mein aktuelles Setup, aber auch ein Bergmann mit Shelter 901 III, aufgenommene CD-R meines alten Setups i.e. Technics SP10 MkII mit Van den Hul Grashopper IV) war für mich digital fast immer näher an dem, was ich im Konzertsaal so höre. Die zusätzliche Klangfärbung des Systems LP ist für mich also keine Verbesserung, aber ich kann nachvollziehen, was vielen klanglich an Vinyl gefällt.

Das ist dann auch der Grund, weswegen ich wohl in meiner Orgelnische bleiben werde.
Da stellt sich die Frage des Mediums nicht, weil es die Aufnahme halt nur auf LP gibt.
Zudem sind die Platten im Orgelgenre, die ich ja alle gebraucht kaufe, in den meisten Fällen praktisch unbenutzt.
Scheint wenig gleichgesinnt-bekloppte da draußen zu geben...

Viele Grüße,
Christian
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Melomane »

Hallo Christian,

haben wir das Phänomen, im Alter wieder zurückzuschauen? Egal, solange das keine wirklich unangenehmen Nebenwirkungen mit sich bringt. :cheers:

Hm, das gestern schon Gehörte fällt wohl eher unter Skurrilität:

https://www.discogs.com/de/release/1581 ... t-Travesty

Braucht man nicht wirklich, aber gestern "musste" das mal wieder sein. Fällt aber nicht unter die Rubrik Rückblick. Solange habe ich das Scheiblein nämlich noch nicht.

Viele Grüße

Jochen
Boxentroll · „wie Boxentroll zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Boxentroll »

Melomane hat geschrieben: 23.01.2026, 09:10 Hallo Christian,

haben wir das Phänomen, im Alter wieder zurückzuschauen? Egal, solange das keine wirklich unangenehmen Nebenwirkungen mit sich bringt. :cheers:
Hallo Jürgen,

ausschließen kann ich das nicht!
:cheers:

Viele Grüße
Christian
alcedo · „wie alcedo zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von alcedo »

Willkommen im Club, Christian
Boxentroll hat geschrieben: 23.01.2026, 08:43 Eigentlich ziemlich schräg, denn ich habe vor 20 Jahren meine etwa 2000 LPs nebst aufwendiger Abspielmaschinerie verkauft.
...
Zudem sind die Platten im Orgelgenre, die ich ja alle gebraucht kaufe, in den meisten Fällen praktisch unbenutzt.
Scheint wenig gleichgesinnt-bekloppte da draußen zu geben...
So fing es bei mir vor über einem Jahr auch wieder an 👍
Bei mir sind es auch Orgel-, aber vor allem Opernaufnahmen aus den Jahren 1950-1990. Mit dem gleichen Effekt: kaum gespielt, fast alle quasi neuwertig.
Habe mir auf einen Schwung aus einer Sammerlauflösung u.a. knapp 200 Opern auf Vinyl zugelegt. Wunderbare Qualität!

Beste Grüße
Jörg
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Melomane »

Hallo,

Opern sind das Stichwort. Vorhin hatte ich Mozarts Zauberflöte mit Böhm auf dem Teller, und zwar in dieser Ausgabe als Wechslerpressung, also alt:

https://www.discogs.com/de/release/2712 ... Dieskau-Ha

Halt ergraut mit einigen Knacksern und Knistern, insgesamt aber sehr gut anhörbar nach Wäsche. Und es ist hörbar, warum Böhm als Mozartspezialist galt. Mögen andere mit der historisch informierten Spielweise den Intellekt und die Neugier ansprechen, so gibt's mit den Alten was für's Gemüt. Ab und zu kommt das gut. ;)

Viele Grüße

Jochen
alcedo · „wie alcedo zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von alcedo »

Hallo, Jazz- UND Klassik-Freunde,

warum diese etwas seltsam anmutende Anrede?
Weil Claude Bolling ein wahrer Grenzgänger war - Jazzpianist, Filmkomponist, "klassische" Musik.
Ich habe diese LP in meinem Fundus entdeckt und bin begeistert:

Bild

Ähnelt im Stil ein wenig Jacques Loussier ...
Scheint es aber nicht bei den Streamingdienste zu geben - hier sind Vinylhörer also klar im Vorteil 😇

wikipedia schreibt über Bolling:
Bolling, der als Wunderkind galt, gewann 1944 einen Jazzwettbewerb und gründete daraufhin seine eigene Jazz-Combo. 1948 trat er auf dem Jazzfestival in Nizza auf. Er spielte im gleichen Jahr mit Rex Stewart, 1951 mit Roy Eldridge und 1953 sowie 1956 mit Lionel Hampton Platten ein. Anschließend gründete er eine Big Band und arbeitete als musikalischer Leiter für Plattenaufnahmen (beispielsweise für Brigitte Bardot) und produzierte auch Filmmusik. Später schrieb er auch Kompositionen, in denen er Jazz und Klassik fusionierte, die etwa Jean-Pierre Rampal, Maurice André, Elena Durán oder Yo-Yo Ma aufführten. Für den Jazzpianisten George Shearing und den klassischen Gitarristen Angel Romero komponierte er das Concerto pour guitare classique et piano jazz, das mit Unterstützung von Ray Brown am Bass und dem Schlagzeuger Shelly Manne eingespielt wurde und 1981 auf LP erschien. Sowohl als Pianist als auch als Jazzkomponist war Bolling stark von Duke Ellington geprägt.
Als Filmkomponist war Bolling überwiegend im französischen Film tätig (darunter neunmal für Jacques Deray), gelegentlich auch in internationalen Produktionen. Er starb Ende Dezember 2020 im Alter von 90 Jahren.


Ersatzweise kann ich u.a. diese Werke noch von ihm empfehlen (habe noch nicht alle verhört 😎):

Bild

Bild

Bild

Grüße
Jörg
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Melomane »

Hallo Jörg,

ich habe das hier gefunden:

https://tidal.com/album/60665202

Zumindest passt das Cover. Auch der Inhalt?

Qobuz kennt das Cover auch. Aber der Inhalt ist ein anderer:

https://www.qobuz.com/de-de/album/conce ... 8960244428

Offenbar hat Tidal nur die "Kurzversion".

Viele Grüße

Jochen
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Melomane »

Hallo,

ok, schlagen wir ein Ei drüber.

Und kommen zu diesem Aha-Erlebnis gestern:

In den letzten Tagen hatte ich mich durch diese Box mit Mozarteinspielungen von Otto Klemperer gewaschen:

https://www.discogs.com/de/release/9243 ... ert-Mozart

Ich weiß nicht, wann genau die auf den Markt kam. Das letzte im Beiheft genannte (P)-Datum ist 1976. Also muss die Box ein wenig später das Licht der Welt erblickt haben. Nun stellte sich der Inhalt merkwürdig vor. Mit hochwertigem Ortofonschliff gespielt klang das dünn, flach, farblos und vor allem in dynamischen Spitzen verzerrt. Ich dachte zunächst, dass EMI sich nicht allzuviel Mühe mit der Pressung für diese Sonderausgabe gegeben hätte. Nach sechs LPs aber hatte ich die Nase voll. Und dachte vor allem bei den Verzerrungen daran: Versuch's doch mal mit einem weniger scharfen Nadelschliff. Also gut - und so kam ein olles Denon DL-103 zum Einsatz. Und damit war der Klangeindruck ein völlig anderer. Vollmundig, nicht mit Aquarell, sondern mit Öl gemalt, quasi ganzheitlich - und vor allem keine Verzerrungen mehr. Das hat mich natürlich erfreut. Aber auch die Frage aufgeworfen:

Wurde Mitte der 70er Jahre noch mit Tracing Simulator geschnitten? Also dem Verfahren, mit dem man den Nachteilen einfacher Rundnadeln begegnen wollte; insbesondere Verzerrungen im Innenbereich fallen mir da ein. Sind wir da vielleicht doch wieder beim Aufwand für die Box? Nimm den Simulator und haus raus, die Stamper. 2001-Kunden sind vermutlich eh nicht die mit den teuren Systemen? Oder war dieses Verfahren mit dem Simulator tatsächlich noch üblich in den 70ern? Anfangs vielleicht, aber in der zweiten Hälfte?

Also merke man: Auch LPs wollen artgemäß gehalten werden und nicht immer kommt Highend gut.

Viele Grüße

Jochen
Melomane · „wie Melomane zum aktiven Hören kam“
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Beitrag von Melomane »

Hallo,
Melomane hat geschrieben: 26.02.2026, 09:35 Wurde Mitte der 70er Jahre noch mit Tracing Simulator geschnitten? Also dem Verfahren, mit dem man den Nachteilen einfacher Rundnadeln begegnen wollte
Schade, dass darauf nichts gekommen ist.

Ich höre mich derweil mit großem Interesse und teilweise fasziniert weiter durch Klemperers Mozart. Gewiss hat man ihm vorgeworfen, Mozart wie Beethoven spielen zu lassen. Ich denke, man kann das aber auch anders sehen. Klemperer hat gewiss keinen modernen Mozart im Sinne historische informierter Aufführungspraxis dargeboten und auch langsam wirkende Tempi gewählt (auch wenn er das vermutlich bestritten hätte). Aber für mein Empfinden spielt er durchaus einen modernen Mozart, insofern er Strukturen darlegt, gewiss kantig und teils spröde wirkend, dennoch durchaus farbig und lebendig. Das wirkt für meine Ohren frisch und ist hörenswert, wenn man sich nur darauf einlassen mag und nicht z.B. Böhms (in etwa zeitgleichen) Ansatz allein genießen mag.

Und so folgt in den nächsten Tagen der weitere Inhalt der Box. :)

Viele Grüße

Jochen
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Beitrag von Melomane »

Hallo,

so, nach Mozart jetzt Beethoven:

https://www.discogs.com/de/release/9349 ... -Beethoven

Also selbig Nummer in Blau. ;) Und vielleicht ist nach drei gehörten LPs aus der Box alles völliger Blödsinn, was ich schreibe. Aber mir kommt das in den Sinn: Klemperer spielt Mozart wie Beethoven. So seine Kritiker. Das trifft die Sache, aber vielleicht nicht so wie sie es gemeint haben. Klemperer spielt m.E. beide Komponisten wie Klemperer .... sie darstellen möchte. Und zwar so, dass die Strukturen auf Schallplatte bestmöglich zur Geltung kommen. Er nimmt die Klänge an die kurze Leine und lässt zum Beispiel eine Reihe derselben bei Mozart nicht als belanglos-süßliches Gedudel erscheinen, sondern setzt sie an ihren Platz, so, dass sie zur Geltung kommen. Und er hat nicht nur Strukturen im Sinn, sondern auch Farben, Dynamik und was es sonst noch für das Vorhaben braucht. Klemperer spielt eben nicht nur für Konzerte, sondern eben auch für den Tonträger. Und er hatte das Glück, zwei kongeniale Produzenten bei EMI an seiner Seite zu haben, nämlich Walter Legge und später dessen Assistenten und Nachfolger Suvi Raj Grubb. Mir bereitet es viel Vergnügen, dem zu lauschen.

Ach ja, mit den so ausgerichteten Ohren kommt nach Beethoven in einigen Tagen auch noch Brahms dran. ;)

Viele Grüße

Jochen
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