Andreas (Genelec 8040APM + 7070A)

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Andreas (Genelec 8040APM + 7070A)

Beitragvon Auriga » 11.01.2018, 14:08

Hallo liebe Forumsgemeinde und vielen Dank für die Aufnahme

Ich heiße Andreas und bin durch verwandschaftliche Empfehlung in diesem doch sehr interessanten Forum gelandet. Ich habe mich dem dem Thema Hifi von der gegenüberliegenden Seite genähert, nämlich der Produzentenseite.

Durch das Mithören von klassischer Musik bei meinen Eltern habe ich früh gelernt Musik nicht nur zu konsumieren, sondern zu hören. Die wiederholten Fragen meines Vaters „und welches Instrument hört man gerade?“ schulten mich im analytischen Wahrnehmen von Musik.

Die Konsequenz war dann später, daß ich mir Schallplatten auflegte und diese (zum Leidwesen meiner Mutter) versuchte am Klavier nachzuspielen, was dann immer besser und schneller gelang.

Der nächste Schritt war dann ein Cassettenrecorder, den ich mir mit 10 Jahren von meinem lang ersparten Taschengeld kaufte und Klavier aufnahm und dieses dann wiederum begleitete. (Der Cassettenrecorder war dann aber irgendwann langweilig und so experimentierte ich mit unterschiedlichen Motorgeschwindigkeiten und Verschiebungen des Tonkopfes um auch rückwärts abspielen zu können ... es endete dann irgendwann mit der Unbrauchbarkeit dieses einst so stolzen Gerätes ...)

Mit 12 kaufte ich mir dann meine erste E-Gitarre, spielte in einer Band, ohne spielen zu können und fing dann nach 6 Monaten tatsächlich auch mit Unterricht an. Als erster Gitarrenverstärker fungierte (ein Tipp von einem meiner zahlreichen großen Brüder) ein altes Röhrenradio, welches sich wirklich prima dazu eignete.

Nun, mit dem Röhrenradio konnte man auch Radio hören. Ein 2. Radio diente dabei als „2. Kanal“. So hatte ich mit 2 Radios, eingestellt auf den selben Sender, „Stereo“, was natürlich kein Stereo war, sich aber durch die unterschiedlichen Radios und damit verbundenen Phasenverschiebungen so anhörte. Heute gibt es schöne VST-Plugins, die diesen Effekt unter „Pseudo Stereo“ produzieren.

Als 16-Jähriger nannte ich dann einen alten Roland Juno 106 Synthesizer mein eigen und nur mit Kopfhörer oder Röhrenradio war der Klang dann auch nicht befriedigend. So kaufte ich einem Freund seine alte MBO- Anlage ab (ja, MBO hat nicht nur Netzteile gebaut, sondern offensichtlich aus Versehen auch eine Stereoanlage herausgebracht).

Diese Anlage begleitete mich dann einige Jahre. Bis ich irgendwann eine Anlage von Sony kaufte, die mich aber auch nicht befriedigte, weil sie kaum Ein- und Ausgänge besaß und daher nicht gerade zum Experimentieren einlud. So entschied ich mich dafür mit Mitte 20 endlich mal einzelne Komponenten verschiedener Hersteller zu kaufen. Als da waren ein 1-bit CD-Spieler von Sony, ein Receiver von Harman-Kardon, und ein Akai Cassettendeck.

Zeitgleich begann ich die Ausbildung zum Audioengineer an der SAE in Berlin. Die Verbindung von Musik und Technik erschien mir als Beruf wie für mich maßgeschneidert. Daher kaufte ich mir für meine Anlage Lautsprecher, die in vielen DDR Studios standen: RFT BR50. Der recht gerade Frequenzverlauf war zwar technisch sicher einwandfrei, allerdings würde ich heute sagen, die Boxen klingen (wie viele Studionahfeldmonitore) nicht wirklich „schön“. Aber, diese Teile werden heute noch zu erstaunlich stolzen Preisen verkauft ...

Meine Diplomarbeit am Ende der Ausbildung trug den Titel „Akustische Grundlagen und Erfordernisse im Tonstudiobau“. Da ich perspektivisch irgendwann mein eigenes Studio bauen wollte, dachte ich mir, es sei sinnvoll gleich die in die Diplomarbeit investierte Zeit zu nutzen, 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Nach meiner Ausbildung suchte ich -wie zahllose andere Tonmenschen auch- einen Job ... Nachdem 120 Bewerbungen (nix E-Mail - damals steckte ich in das Briefporto und Papier ein - für mich damals - halbes Vermögen) keinerlei Resonanz erzeugten, zog ich in meiner Berufsplanung den Punkt „Tonstudiobau“ vor.

Beim Thema Tonstudio war -gerade bei begrenztem Budget- immer meine Prämisse das Budget zuerst in die unveränderbaren Bestandteile zu investieren: Also den Raum. Austauschbare Komponenten, wie Mischpult, Abhöre, Peripherie und Mikrophonie, kann man später immer wieder mit frischem Geld gegen hochwertigere austauschen.

So baute ich Mitte der 90er Jahre mein erstes Studio in Berlin Mitte. Mit der Umgebung um die Räume herum war ich aber sehr unzufrieden, so daß ich mit etwas mehr Budget schon 2 Jahre später ein neues Studio in Kreuzberg errichtete, in dem ich dann 18 Jahre meine Arbeit machte.

Vor 5 Jahren habe ich dann einen Studiobau in Modulbauweise entwickelt. Man kann also die Räume komplett mit der Akustik wieder ausbauen und woanders einbauen. Dies realisierte ich dann vor 4 Jahren in Berlin Lichtenberg und bin mit den akustischen Ergebnissen und der Schalldämmung hochzufrieden.

Dieses in mehr als 25 Jahren angehäufte Wissen nutze ich seit einigen Jahren um andere Studios und Toningenieure, aber auch Privatleute zu beraten, wenn es um Raumauswahl, Raumoptimierung und Equipmentanpassungen an die akustischen Gegebenheiten geht. Viele Studiobetreiber versenken unglaublich viel Geld in hochwertige Wandler, Kanalzüge und ähnlichem und wundern sich, daß es noch immer nicht so klingt, wie sie es sich gewünscht und erhofft haben.

Die Lösung liegt jedoch in den grundlegenden Dingen:
Aufnahmeseitig nämlich in der akustischen Beschaffenheit des Aufnahmeraumes und der optimalen Mikrophonposition (Schnittstelle bzw. „Wandler“: Mensch -> Technik)
Abhörseitig (und dies ist für Studios und Privatleute gleichermaßen zur Beurteilung des Signals bzw. dem Hören von Musik entscheidend) in der akustischen Beschaffenheit des Abhörraums und der Lautsprecheroptimierung nach Einmessung des Abhörraums und Abhörposition. (Schnittstelle bzw. „Wandler“: Technik -> Mensch)

Natürlich hatte sich auch meine eigene Abhörsituation verändert. Aktuell sieht es so aus:

Raum:
Für die Raumeinmessungen habe ich schon mit vielen Tools experimentiert: Mit ausschließlicher Frequenzbearbeitung mit Hardware bis natürlich Softwareanwendungen, wie zuletzt mit REW (Room EQ Wizard), Carma, Arta, Odeon und diversen anderen. Zur Zeit befasse ich mich intensiv mit Acourate in allen Details und Tiefen, sowohl für den Einsatz im Studio, als auch für das private Musikhören. Faltung ist ja im professionellen Studiobereich schon seit 20 Jahren ein Thema, wenn es darum geht künstliche Räume zu erschaffen (Stichwort: Faltungshall)

Zuspieler:
Zugespielt wird auschließlich über NAS und Rechner. Softwarebedingt bin ich in meinem eigenen Studio bei Windows hängengeblieben.

Wandler:
Da ich berufsbedingt mehrkanalige Wandler benötige, wurden es 2 RME Fireface 800. Sie klingen nicht „schön“ aber sehr sauber und gradlinig mit solide programmierten Treibern. Für das Studio sind gerade die hervorragenden AD Wandler eine Empfehlung.

Abhöre:
Als Abhöre verwende ich Genelec 8040APM und Subwoofer 7070 A. Wenn ich es mal analytisch mag, nutze ich die Genelec 1030A, auf denen aber Musikhören keinen wirklichen Spaß macht, weil diese die Aufnahmen „sezieren“. Leider allesamt alte Systeme, die noch nicht mit SAM einzumessen sind. Allerdings erreicht man mit den Dipschaltern auf der Rückseite erstaunliche Ergebnisse. ;-)

Zusammenfassend kann ich sagen, daß für mich die Qualität der Musik an erster Stelle kommt. Musikalischer Ausdruck unzulänglich aufgenommen (für mich immer 2 schöne Beispiele: das alte Genesis Live Album „Seconds Out“ oder das Uriah Heep Album „Live 1973“, jeweils eigentlich grauenhaft gemischt und gemastert, falls man von „Mastering“ überhaupt sprechen kann) höre ich noch immer lieber als perfekt aufgenommene, aber tote Musik. Glücklicherweise gibt es aber Aufnahmen, die beides miteinander vereinen (da gibt's ja hier im Forum einige schöne Beispiele im Bereich „Musikempfehlungen“).

Meine Philosophie: Die Technik darf kein Selbstzweck sein, sondern sie muss der Musik dienen.
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Beitragvon Hans-Martin » 11.01.2018, 14:39

Auriga hat geschrieben:Viele Studiobetreiber versenken unglaublich viel Geld in hochwertige Wandler, Kanalzüge und ähnlichem und wundern sich, daß es noch immer nicht so klingt, wie sie es sich gewünscht und erhofft haben.

Hallo Andreas,

ich begrüße dich hertzlich bei den Aktiven (der obige Satz ist mir aus der Seele gesprochen) und freue mich schon auf deine Beiträge mit Studioerfahrung der besonderen Art, speziell mit:

Die Lösung liegt jedoch in den grundlegenden Dingen:
Aufnahmeseitig nämlich in der akustischen Beschaffenheit des Aufnahmeraumes und der optimalen Mikrophonposition (Schnittstelle bzw. „Wandler“: Mensch -> Technik)
Abhörseitig (und dies ist für Studios und Privatleute gleichermaßen zur Beurteilung des Signals bzw. dem Hören von Musik entscheidend) in der akustischen Beschaffenheit des Abhörraums und der Lautsprecheroptimierung nach Einmessung des Abhörraums und Abhörposition. (Schnittstelle bzw. „Wandler“: Technik -> Mensch)

Da können wir sicherlich noch die eine oder andere Verbesserung gebrauchen. Mich würde speziell interessieren, ob du eine bevorzugte Mikrofoaufstellung einsetzt, also eher Intensitäts- Laufzeit- oder Äquivalenzstereophonie bevorzugst.

Zusammenfassend kann ich sagen, daß für mich die Qualität der Musik an erster Stelle kommt. Musikalischer Ausdruck unzulänglich aufgenommen (für mich immer 2 schöne Beispiele: das alte Genesis Live Album „Seconds Out“ oder das Uriah Heep Album „Live 1973“, jeweils eigentlich grauenhaft gemischt und gemastert, falls man von „Mastering“ überhaupt sprechen kann) höre ich noch immer lieber als perfekt aufgenommene, aber tote Musik. Glücklicherweise gibt es aber Aufnahmen, die beides miteinander vereinen (da gibt's ja hier im Forum einige schöne Beispiele im Bereich „Musikempfehlungen“).

Inga Rumpf Frumpy 2 ist für mich das Antibeispiel par excellance, eine solch grottenschlechte Aufnahme habe ich sonst nicht in meiner Sammlung.

Meine Philosophie: Die Technik darf kein Selbstzweck sein, sondern sie muss der Musik dienen.

Ich schließe mich dem an, und biege nach Gusto am Klang herum, bis er mir erträglich erscheint.
Das mag sich erschreckend lesen (um nicht klingen an dieser Stelle doppeldeutig einzusetzen), aber ist mein Ausweg aus suboptimalen Studioproduktionen. Musik von der Festplatte streamen gibt ja die schöne Möglichkeit, ein Original zu bewahren, während man eine bearbeitete Replik abspielt.
Deshalb meine abschließende Frage: Was unternimmst du, wenn dir die Musik der Musiker gefällt, aber der Tonträger aus mäßiger Studioarbeit missfällt?

Grüße Hans-Martin

P.S.: Auriga (lat.) heißt Wagenlenker, anzunehmen, dass du weißt, wo du hinwillst... :cheers:
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Beitragvon Joerghag » 11.01.2018, 15:44

Auriga hat geschrieben:Meine Philosophie: Die Technik darf kein Selbstzweck sein, sondern sie muss der Musik dienen.

Hallo Andreas,

deine Philosophie gefällt mir.
Auch von mir ein herzliches Willkommen.

Gruß Jörg
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Beitragvon Auriga » 11.01.2018, 18:43

Hallo Jörg, hallo Hans-Martin,

ja herzlichen Dank :D

Hans-Martin hat geschrieben:Da können wir sicherlich noch die eine oder andere Verbesserung gebrauchen. Mich würde speziell interessieren, ob du eine bevorzugte Mikrofoaufstellung einsetzt, also eher Intensitäts- Laufzeit- oder Äquivalenzstereophonie bevorzugst.

Nein, ich habe keine bevorzugte Mikrofonaufstellung. Sie hängt zum einen vom aufzunehmenden Klangkörper ab und zum anderen vom Raum.

Ganz ehrlich: Ich gehe meist in einen Raum, schaue und höre ihn mir an, überlege was ich aufzunehmen habe und entscheide absolut nach dem Bauch. Meist kommt eine klassische A-B Mikrophonierung mit der einen oder anderen Stütze zum Einsatz.

Im Studio ist es nochmal anders, da ich -wenn ich nicht gerade ein klassisches Ensemble aufnehme- im Overdubverfahren aufnehme und da bezieht sich eine eventuelle Stereophonie oft genug auf das einzelne Instrument.

Hans-Martin hat geschrieben:Deshalb meine abschließende Frage: Was unternimmst du, wenn dir die Musik der Musiker gefällt, aber der Tonträger aus mäßiger Studioarbeit missfällt?

Nun, es gibt verdammt viele tolle Alben, die nach einer eingehenden Nachbearbeitung schreien. Mich juckt es tatsächlich immer wieder in den Fingern diese mal zu Remastern. Aber das wäre aufgrund der Menge ein Fass ohne Boden. Da muss ich mich immer wieder dafür entscheiden meine Zeit in meine eigenen Kompositionen oder die Songs meiner Band zu investieren. :wink:

Liebe Grüße, Andreas
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Beitragvon Horse Tea » 11.01.2018, 21:39

Hallo Andreas,

auch ein herzliches Willkommen von mir im Forum. Deine Einführung hat mich fast atemlos weiterlesen lassen, so gefesselt war ich. Bin übrigens in Lichtenberg geboren, ist aber schon länger her :mrgreen: .

Ich habe mal eine ganz spezielle, vielleicht verückte Frage: wie kommt es, dass ECM sehr häufig exzellente Aufnahmen herausgibt? Hast Du dafür eine Erklärung?

Viele Grüße
Horst-Dieter
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Beitragvon Auriga » 12.01.2018, 18:29

Hallo Horst-Dieter,

das freut mich, wenn ich Dich ein wenig mit meinem Werdegang unterhalten konnte. :cheers:

Die Frage nach ECM ist nicht verrückt, nur bin ich vielleicht nicht der richtige Ansprechpartner hierfür.
Interessant an ECM ist, daß dieses Label fast 50 Jahre existiert und seitdem von den damaligen Gründern geführt wird. Auch ist bemerkenswert, daß sie als Inhaber noch immer in enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Toningenieur die Produktionen fahren.

ECM hat für ein so kleines Label zwar mit weit über 1000 Alben relativ viel herausgebracht. Aber es ist damit natürlich in der Branche ein recht kleiner Fisch. Was auch dafür spricht, daß die Geschäftsführer noch selbst sowohl die Musikauswahl treffen, als auch die Produktionen begleiten. Apropos Musikauswahl: ECM wünscht auch ganz explizit keine Audiodemos oder Noten von Musikschaffenden. (Nicht daß andere Labels so erpicht darauf wären, aber ECM schreibt das ja sogar auf seine Startseite... :wink: )
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Beitragvon Hans-Martin » 13.01.2018, 01:56

Horse Tea hat geschrieben:Ich habe mal eine ganz spezielle, vielleicht verückte Frage: wie kommt es, dass ECM sehr häufig exzellente Aufnahmen herausgibt? Hast Du dafür eine Erklärung?

Hallo Horst-Dieter,

ich wollte erst Andreas antworten lassen, bevor ich mich da einmische, schließlich ist es sein Thread. Eigentlich müsste man die Frage an ECM richten, wie sie die Qualität erreichen, wo andere im Vergleich zurückbleiben. Aus meiner Sicht sind es 2 Gründe:

1. ECM ist ein Label, welches (unbelastet von der Mono-Vergangenheit der etablierten Labels mit deren Konsequenzen) modern gegründet wurde, wo die Mikrofone schon recht rauscharm und richtig gepolt gewählt werden konnten. Alle meine ECM -Aufnahmen haben positive Polarität. Die meisten etablierten Jazz-Labels invertieren ihre Aufnahmen bis heute, mit der Folge diffuser Ortung und einem Verlust an Lebendigkeit und Authentizität.

2. Es sind überwiegend überschaubare kleine Besetzungen, die da übers Mischpult laufen. Bei Klassikaufnahmen größerer Orchester wäre der Schwierigkeitsgrad erheblich höher.

Grüße Hans-Martin
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Beitragvon Auriga » 14.01.2018, 13:44

Hallo Hans-Martin,
Hans-Martin hat geschrieben:1. ECM ist ein Label, welches (unbelastet von der Mono-Vergangenheit der etablierten Labels mit deren Konsequenzen) modern gegründet wurde, wo die Mikrofone schon recht rauscharm und richtig gepolt gewählt werden konnten.

Nun, aber an den entscheidenden transistorisierten Mikrophonen hat sich seit den 60ern nicht wirklich viel verändert. Eine Usi- oder C414- Kapsel wird ja beispielsweise schon ewig mehr oder weniger unverändert gebaut.

Der Umstieg von Röhrenmikros auf Transistor hat ja einen Quantensprung in Bezug auf Rauscharmut bedeutet. Die Verstärkerschaltung in den Mikros ist danach zwar laufend verändert und verbessert worden, aber es war seit der Transistorisierung nie wieder solch ein Quantensprung in der Qualität der Übertragung erreicht worden. Mikrophone haben daher ja in der Audiotechnik eine Sonderstellung bezüglich Kontinuität und Wertbeständigkeit. :wink:

Neu ist mir, daß damals falsch gepolte Mikros auf dem Markt waren. Mir sind diesbezüglich noch nie Mikrophone aus den 50ern oder 60ern begegnet, die falsch gepolt waren. Hast Du da einschlägige Erfahrungen sammeln können? Welche Mikrophone sind Dir da begegnet?

Hans-Martin hat geschrieben:Alle meine ECM -Aufnahmen haben positive Polarität. Die meisten etablierten Jazz-Labels invertieren ihre Aufnahmen bis heute, mit der Folge diffuser Ortung und einem Verlust an Lebendigkeit und Authentizität.

Ich frage mich tatsächlich, wie man auf die Idee Kommt Aufnahmen zu invertieren ... :shock: Die Änderung der Phasenlage sollte man ja nur verwenden, wenn gegenphasige Klangereeignisse aufgenommen werden sollen (z.B. 2 Felle der selben Trommel). Oder aber, aus Kreativitätsgründen, wenn man bewußt sog. "Phasenschweinereien" als Gestaltungsmittel einsetzt... (Bei Jazz und Klassik aber eher undenkbar...). Was denkst Du was die Intention gewesen sein könnte, Aufnahmen zu invertieren?

Hans-Martin hat geschrieben:2. Es sind überwiegend überschaubare kleine Besetzungen, die da übers Mischpult laufen. Bei Klassikaufnahmen größerer Orchester wäre der Schwierigkeitsgrad erheblich höher.
Grüße Hans-Martin

Das stimmt absolut. Bei größeren Orchestern sind oftmals hier und da Stützen erforderlich, die das Ganze - sofern nicht richtig im Panorama und Phasenlage eingeordnet - in Hinblick auf Ortung, Tiefe und Transparenz ziemlich verwaschen klingen lassen können.

Viele Grüße
Andreas
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Beitragvon Hans-Martin » 14.01.2018, 16:54

Auriga hat geschrieben:Der Umstieg von Röhrenmikros auf Transistor hat ja einen Quantensprung in Bezug auf Rauscharmut bedeutet. Die Verstärkerschaltung in den Mikros ist danach zwar laufend verändert und verbessert worden, aber es war seit der Transistorisierung nie wieder solch ein Quantensprung in der Qualität der Übertragung erreicht worden. Mikrophone haben daher ja in der Audiotechnik eine Sonderstellung bezüglich Kontinuität und Wertbeständigkeit. :wink:

Hallo Andreas,

es gibt einige Plattenlabels (z.B. TACET.de), die darauf besonders hinweisen, dass sie mit alten Röhrenmikrofonen aufnehmen, alte Neumann (oder Telefunken) U47, M49, etc.

Neu ist mir, daß damals falsch gepolte Mikros auf dem Markt waren. Mir sind diesbezüglich noch nie Mikrophone aus den 50ern oder 60ern begegnet, die falsch gepolt waren.
Hast Du da einschlägige Erfahrungen sammeln können? Welche Mikrophone sind Dir da begegnet?

Es gibt eine Theorie, nach der bei der Umstellung von Tuchel-Stecker auf die international gängigen XLR-Stecker es zu Pinverwechselungen kam. Auch gab es berichte, dass man bei Neuanschaffungen die Polung der Mikrofone an den vorhandenen ausgerichtet hat, folglich ein vorhandener Fehler auf spätere übertragen wurde. Die Sheffield Direktschnittschallplatten der 1960-70er Jahre wurden in Blumlein mit AKG C24 aufgenommen, sind invertiert, und dieses Mikrofon benutzt Opus3 ebenfalls, auch diese Aufnahmen sind invertiert. Merkwürdige Übereinstimmung ...

Eine platzende Tüte sollte vom Mikrofon einen positiven Peak geben. Für LS ist definiert, dass der Pluspol einer Batterie eine Auslenkung in Richtung Hörer bewirken soll. Jede Röhrenstufe mit Spannungsverstärkung invertiert, folglich machen geradzahlige Kaskadierungen keine Invertierung, liefern dieselbe Polarität des Signals wie am Eingang. Sowas war von Anfang an bekannt.

Hans-Martin hat geschrieben:Alle meine ECM -Aufnahmen haben positive Polarität. Die meisten etablierten Jazz-Labels invertieren ihre Aufnahmen bis heute, mit der Folge diffuser Ortung und einem Verlust an Lebendigkeit und Authentizität

Ich frage mich tatsächlich, wie man auf die Idee Kommt Aufnahmen zu invertieren ... :shock: Die Änderung der Phasenlage sollte man ja nur verwenden, wenn gegenphasige Klangereeignisse aufgenommen werden sollen (z.B. 2 Felle der selben Trommel). Oder aber, aus Kreativitätsgründen, wenn man bewußt sog. "Phasenschweinereien" als Gestaltungsmittel einsetzt... (Bei Jazz und Klassik aber eher undenkbar...). Was denkst Du was die Intention gewesen sein könnte, Aufnahmen zu invertieren?

Ich denke, als man bei Mono nur einen Lautsprecher hatte, bevorzugte man die invertierte Aufnahme, weil die Wiedergabe sich stärker, diffuser (raumfüllender) vom LS ablöste. Bei Stereo ist das diffuser, breiter, weniger dynamisch, Stimmen zischeln etwas mehr. In der Spektralanalyse ist kein Unterschied, in der Wahrnehmung schon. Beispiele zu den oben erwähnten Jazz-Labels, die invertieren:
ACT - audioquest - Blue Note (kommt auf den Ursprung drauf an) - Chesky - Clarity Recordings – DMP - Enja - Impulse! - Opus3 – Philips - Proprius – reprise: - Verve - Windham Hill - Sheffield Records.
Decca Classic: Alles invers, Deccas Pop (z.B. Rolling Stones): alles invers
EMI Classic: alles invers, EMI Pop (z.B. The Beatles) alles positiv, sofern aus England. Von Abbey Road habe ich die Londoner CD-Ausgabe (positiv), mein Bruder eine Japan-Ausgabe (invers).
Jennifer Warnes The Hunter 1993 positiv, das Remaster (ebenfalls bei Bernie Grundman Studios wie die erste Ausgabe) dann invertiert.

Ich frage generell bei Neuzugängen mit Studio-Background das Thema ab, um mehr Informationen zu bekommen, wir haben hier schon einen Polaritäts-Thread. Gute Mischpulte haben heute zu jedem Eingang einen Polaritätsschalter.

Ausgehend von der Überlegung, dass man als Hörer wissen sollte, welche Mikrofone und Positionierung bei einer Aufnahme vorgegeben war, bevor man seine Anlage/Boxen danach so aufstellt, dass es einem gefällt, weil man ein Gefühl von Authentizität hat.

Grüße Hans-Martin
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Beitragvon uli.brueggemann » 14.01.2018, 17:00

Auriga hat geschrieben:Ich frage mich tatsächlich, wie man auf die Idee Kommt Aufnahmen zu invertieren... :shock:

Einfach weil man es kann bzw. weil es passiert.
Es gibt z.B. zur Schallplatte keine Norm, nicht in USA und nicht bei uns (DIN), welche die Polarität genau festlegt. Hat man schlichtweg vergessen bzw. ignoriert.

Grüsse
Uli
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Beitragvon Hans-Martin » 14.01.2018, 18:52

Hallo Andreas, Uli,

immerhin gibt es bei der Schallplatte die Norm/Absprache, dass eine Mono (= linker Kanal) Auslenkung bei positiver Flanke vom Plattenzentrum wegführt, also die Nadel drückt (beim rechten Kanal zieht sich die Flanke zurück). Sowas schrieb mir Stan Ricker, und in England ließ sich eine Norm finden, die das beschrieb: IEC98 hier der Link zum Thread mit dem Link.

Sehr alte Shure Systeme waren entgegen der genormten Farbkodierung (oder L+-/R+-) der Pins am Output erkennbar intern invers angeschlossen (neuere Shure-Systeme der letzten 20 Jahre hingegen korrekt). Ob das eine gehörmäßige Antwort auf die RCA und CBS Schallplatten war, die invertiert geliefert wurden (richtig geschnitten von invertiertem Mastering)?

Aber ich will mit diesem Thema nicht Andreas Thread kapern, es gibt ja wichtigere Themen, und außerdem den Polaritäts-Thread, ebenso den Vinyl-Thread.

Grüße Hans-Martin
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Beitragvon Auriga » 14.01.2018, 22:22

Hallo Hans-Martin,

ich fand das Thema durchaus interessant, da ich es mir -obwohl auch nicht mehr der Jüngste- nicht vorstellen konnte, wie weit verbreitet offenbar Invertierung ist. Ich dachte immer, daß es mal ab und zu ein fehlerhaftes Album gäbe.

Wir haben schon im Studium vor gefühlten 100 Jahren gelernt, daß das bei dem Master auf eine korrekte Phase zu achten ist und so waren die von Dir beschriebenen Fehler für mich in der von Dir beispielhaft angeführten Masse unvorstellbar.

Und ja, dann ist es natürlich auch absolut wichtig bei der Aufstellung und Ausrichtung der Anlage sich dessen bewußt zu sein.

Herzliche Grüße, Andreas
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