Optimale Tonabnehmerjustage: Auflagekraft

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Optimale Tonabnehmerjustage: Auflagekraft

Beitragvon wgh52 » 16.01.2018, 17:33

Liebe Freunde,

hier sind ja einige sehr erfahrene und aktive Phononutzer unterwegs, die auch öfter Tonabnehmer wechseln. Ich stelle hier mal vier Themen zur Tonabnehmerjustage ein, die das jeweils bestehende Wissen bündeln sollen. Ich habe das bewußt nicht in ein Thema TA Justage gepackt, weil die Vermischung unübersichtlich würde.

Hier also das Thema Auflagekraft:

Wie findet man die optimale Auflagekraft?
Was kann man akustisch zur Optimierung tun?
Was kann man messtechnisch zur Optimierung tun?

Ich gebe meine eigenen, bisherigen Methoden mal noch nicht zum besten, weil ich gerne was von den richtigen, erfahrenen Vinylpraktikern lernen möchte und mein Ziel ist hier die "best practices" zu sammeln. Vielleicht gibt's ja auch nur eine oder zwei :cheers:

Danke und Grüße,
Winfried

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wgh52
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Beitragvon Derainer » 16.01.2018, 18:37

Hallo Winfried,

bei der Einstellung der Auflagekraft halte ich mich an die Vorgaben des Herstellers,
weil ich davon ausgehe, dass er diese Werte lange genug getestet und optimiert hat.

Ich habe bei mir allerdings (aus klanglicher Überzeugung) nur Systeme von Dynavector.
Das sind: zwei Te Kaitora Rua - ein DRT XV-1s - und ein DRT XV 1-t
Alle haben eine sehr niedrige Compliance (Nadelnachgiebigkeit) von 10 x 10-6 cm/dyn
Damit sind sie ideal für mittelschwere bis schwere Tonarme, wie meine Tangential-Arme.

Bei allen diesen genannten wird dieselbe Auflagekraft = 1,8 - 2,2 Gramm empfohlen.
Wobei ich sagen kann, dass 0,1 Gramm mehr oder weniger, keinen Unterschied ausmachen.
Aus dem Bauch heraus gehe ich aber doch eher auf 2,0 bis 2,1 Gramm. Dem Vinyl schadet
es auf keinen Fall.

Entscheidend ist, dass die Nadel bei maximal geschnittener Schnelle nicht den Kontakt
zum Vinyl verliert, denn das hört man sehr deutlich als Verzerrung. Mehr als 50µ müssen
Tonabnehmer nicht erreichen, weil das in der Praxis nicht vorkommt.

Systeme, mit einer hohen Nadelnachgiebigkeit, wie ein Shure V15 kommen oft deutlich
weiter, teilweise bis 80µ oder gar 100µ. Nur braucht man das in der Praxis wirklich nicht.

Liebe Grüße,
Rainer
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Beitragvon jackelsson » 16.01.2018, 20:11

Hallo zusammen,

naja, nur mal MC-Tonabnehmer betrachtend, muss man mal überlegen, was man mit der Auflagekraft eigentlich hauptsächlich einstellt: nämlich die Stellung bzw. den Winkel des Spulenkreuzes des Generators im Magnetfeld des Generators.

Je nach Federsteife des Andruckgummis wird die Auflagekraft über den Hebel des Nadelträgers das Spulenkreuz mehr oder weniger nach hinten-oben drücken. Und die ideale Auflagekraft ist dann die, in der diese in der Nullstellung - in Verbindung mit der beim Abspielen nach vorne/oben wirkenden Zugkraft der Rillenflanken auf die Nadel und damit den Nadelträger - das Spulenkreuz im idealen (rechten) Winkel zum Magnetfeld hält. Je nach Federsteife des Lagergummis wird dieser Auflagekraftbereich mehr oder weniger groß sein.

Und wie findet man den? Nun, wie Rainer schon schrob, der Hersteller sollte die Zugspannung des Spanndrahtes idealerweise so eingestellt haben, dass die von ihm angegebene, ideale Auflagekraft genau diesen Zustand des optimal im Magnetfeld stehenden Spulenkreuzes herstellt. Man muss da so ein bisschen dem Hersteller glauben, dass er einerseits weiß, was er da tut und dass er andererseits seine Fertigungstoleranzen im Griff hat.

Denn wenn man nun versucht, das gehörmäßg einzustellen, dann hat man schon verloren, zumindest, wenn man das absolute Optimum sucht. Denn mit dem Verstellen der Auflagekraft verstellt man leider gleichzeitig auch den Winkel des Nadelträgers zur Plattenoberfläche (VTA - Vertical Tracking Angle) und damit auch den klanglich durchaus Einfluss nehmenden Nadeleintauchwinkel (SRA - Stylus Rake Angle), den man dann über die Veränderung der Tonarmhöhe wieder ausgleichen muss. Aber dann sind wir thematisch in einem anderen von Winfrieds Threads... :)

Gruß,
Swen
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Beitragvon Hans-Martin » 16.01.2018, 20:56

Derainer hat geschrieben:Entscheidend ist, dass die Nadel bei maximal geschnittener Schnelle nicht den Kontakt
zum Vinyl verliert, denn das hört man sehr deutlich als Verzerrung. Mehr als 50µ müssen
Tonabnehmer nicht erreichen, weil das in der Praxis nicht vorkommt.

Systeme, mit einer hohen Nadelnachgiebigkeit, wie ein Shure V15 kommen oft deutlich
weiter, teilweise bis 80µ oder gar 100µ. Nur braucht man das in der Praxis wirklich nicht.

Hallo Rainer,
ich erinnere mich an die perversen Auslenkungen bei der Telarc Tschaikowsky Ouvertüre 1812 mit nachgemessenen über 300µm (digital erzeugte Kanonenschüsse). Ich habe auch noch eine ATR Halfspeed Esther Ofarim, die Systeme bis an ihre Grenzen herausforderte, nur gering verzerrte 90µm Abtastfähigkeit bei 300Hz (DHFI Platte) waren da schon ratsam. Das AKG P8ES SuperNova mit vandenHul Nadel konnte am leichten Arm auch die Zischlaute noch unverzerrt wiedergeben.
Aber vielleicht gibt es heute solche Platten nicht mehr, wo laute Klavieranschläge in dem oberen Mitten oder Sopranistinnen mal so frei von der Leber weg strömen lassen, wo der Tonabnehmer in echte Schwulitäten kommt.
Grüße Hans-Martin
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Beitragvon wgh52 » 17.01.2018, 19:10

Hallo Phonofreunde,

Das Thema Auflagekraft scheint mir (vorläufig :wink: ) von allen Tonabnehmerjustageparametern am wenigsten "problematisch" zu sein: Herstellerangabe einstellen und fertig :wink: Weitere Einflüsse der Auflagekraft, wie z.B. Veränderung des SRA oder VTA durch die Auflagekraft, würden ja im SRA/Tonarmhöhenthema mitbehandelt werden und darüber möglicherweise dann auch die Auflagekraftoptimierung. Hier scheint mir ein möglicherweise klanglich relevanter Optimierungstzusammenhang zu bestehen.

Aber (nachdem die Hersteller ja einen Auflagekraftbereich angeben) könnte es nicht sein, das bei unterschiedlichen Tonarmen auch Unterschiede in der optimalen Auflagekraft des Tonabnehmers auftreten?

Grüße,
Winfried

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Beitragvon Hans-Martin » 17.01.2018, 20:35

Wie? Gemessen wird die Auflagekraft auf die Nadelspitze bezogen. Paul Laadegard hat in seinem B&K-Paper gezeigt, dass die Auflagekraft bei trägen Tonarmen dann schwankt, wenn Welligkeiten der Oberfläche die Resonanzstelle anregen, es ging hin bis zum Verlust des Nadel-Rillen-Kontaktes (negativer Auflagedruck).
Mehr als den statischen Druck kann man nicht einstellen, die überlagerte Dynamik folgt anderen Gesetzen, mit Schwankungen, Ausschlägen in beiden Richtungen.
Die Praxis, mit höherem Auflagedruck den Rillenkontakt zu erzwingen, ist, so glaube ich, hier fehl am Platz.
Die Nachgiebigkeit der Nadel bringt unter einem bestimmten Druck eine dazu nachvollziehbare Auslenkung, damit einen Winkel. Ich meine, völlig unabhängig vom Tonarm, sofern keine Störung von außen auf das System wirkt.
Dass die Auflagekraft ausreichen sollte, bei größeren Musikauslenkungen der Rille den Nadel-Rillenkontakt zu erzwingen (=keine Verzerrungen), versteht sich von selbst. Ich habe bei Magnetsystemen mit der DHFI Messplatte immer auf 80um(300Hz) Auslenkung gepeilt (und Antiskating dabei so gewählt, dass beide Kanäle gleichwenig verzerren). Dass mit dem Anstieg der Auflagekraft 300Hz besser kommen, aber auch die Frequenzintermodulationswerte besser werden, wird zu einer Mindestauflagekraft führen, bei der die FIM-Werte nicht mehr besser werden und die 300Hz Abtastung sich nicht mehr deutlich steigern lässt. Wie gut der Hersteller sein Handwerk versteht, konnte man früher in den ausführlichen Grafiken der HiFi-Stereophonie lesen, wo beide Kurven dargestellt wurden, in Abhängigkeit von der Auflagekraft. Der Knick in der Kurve, wo mit mehr Druck keine Steigerung mehr drin war, kam bei FIM schön deutlich, markierte meist die klare Empfehlung.
Grüße Hans-Martin
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