FLOW als Lautsprecherimplementation?

Lautsprecherbau und -tuning

Beitragvon Nova Auralis » 29.06.2015, 11:11

Hallo Hans-Martin,

ich danke dir für deinen ausführlichen Beitrag. :cheers:

Hans-Martin hat geschrieben:Den Artikel über die Anfangszeitlücke sollte man kennen, um zu verstehen, wie wir Entfernung, Raumtiefe erkennen.
Für die Wiedergabe mit Lautsprechern zeigt sich, dass der Solist sich in Richtung Hörer bewegt, wenn jegliche Artefakte, Diffusität, Rauschen, Klirr usw. geringer sind, wenn man von Blauertschen Bändern für die Lokalisation absieht, oder vom FG im Mitteltonbereich. Nimmt man die Mitten zurück, wird das Klangbild auch zurückhaltender, noch etwas Rauschen, Diffusität, schon rutscht alles zurück.

Das Thema der Anfangszeitlücke sowie der anderen Faktoren für die Wahrnehmung der Entfernung von Schallquellen war mir tatsächlich noch nicht vollkommen klar. Die Wissenslücke bezüglich Entfernungshören habe ich nun aufgeholt, zumindest die Grundlagen.

Zuerst einmal lässt dies für mich allerdings sinnvoll nutzbare Schlüsse hauptsächlich zum Thema Raumakustik zu. So ist mir jetzt noch klarer geworden, wieso meine damalige Raum-Optimierung mit Absorbern ein solcher Fehlschlag war. Existiert ein zu hoher unverfälschter Direktschallanteil, so empfinde ich die Wiedergabe als vollkommen leblos und unnatürlich (der Raumeindruck durch mein Hörumfeld fehlt schließlich). Meine aktuellen Experimente in Richtung Einsatz von Diffusoren anstatt Absorbern sind deshalb wohl ein durchaus logischer und konsequenter Ansatz zur Schaffung einer für mich persönlich angenehmeren Wiedergabe.

Es sollte an dieser Stelle aber eigentlich weniger um Raumakustik gehen, sondern ich wollte eher darauf hinaus, welche Mittel ich zur Auswahl habe, den durch den Lautsprecher allein erzeugten Raumeindruck zu beeinflussen. Ebenso auf der Aufnahme befinden sich Rauminformationen, es dürfte also zielführend sein, wenn die Lautsprecher diese feinen Informationen möglichst stark herausarbeiten und hier in keinem Fall etwas "verschlucken" (sicherlich deshalb u.a. bedeutend ein absolut sauberer Übergang - im Hinblick auf Phase, Amplitude, frequenzabhängige Bündelung, Klirr, Lobing, usw. - zwischen den einzelnen Wegen, neben der Auswahl der entsprechenden Einzelchassis, sowie eine Vermeidung starker Schallwand-Kantendiffraktion und Gehäusebedingter Artefakte wie auf die Membranen rückwirkende Modulationen oder Schallabstrahlung durch das Gehäuse selbst). Wenn der Raumeindruck (oder auch die genannte Abbildungsgenauigkeit) zusätzlich durch Ausnutzen von horphysiologisch bedingten Aspekten weiter gesteigert werden kann, umso besser. Dementsprechend war eben auch die Frage, inwiefern Einfallswinkel unterschiedlicher Frequenzbereiche diesbezügliche Wirkung zeigen (Koaxial- vs. D'Appolito-/MTM- vs. TM- vs. MT-Anordnung).

Hans-Martin hat geschrieben:Ich habe ein einfaches Experiment hier beschrieben, 2 Lautsprecher vertikal spiegelbildlich zur Ohrhöhe angeordnet, Monoansteuerung. Ergebnis bei mir: Die Summe ortet man nicht in der Mitte (vertikal). Ich rechne das HRTF zu.

Danke für den interessanter Link, lustig dass auch andere hier dieselbe Idee wie ich hatten. Mein Ansatz war ebenso, einen Phantomcenter in vertikaler Mitte des Bildes - durch Anordnen von zwei getrennten Lautsprechern ober- und unterhalb - zu erzeugen. Du bestätigst leider meine Befürchtungen bezüglich der Nachteile des Herangehens. Ich hatte aus optischen Gründen jedoch eh schon ziemlich von der Idee abgelassen. Ich denke der horizontale Phantomcenter ist und bleibt für mich einfach der beste Kompromiss.

Aber wie du schreibst, ist bei dem Experiment ebenfalls schön zu sehen, welchen Einfluss die HRTF in Zusammenspiel mit den blauert'schen Bändern hat. Allein dafür hat es sich ja gelohnt. :cheers:

Hans-Martin hat geschrieben:Auch bei Lautsprechern mit inverser Anordnung habe ich das Becken über der Trommel geortet.
Aber wenn sie auf dem Teppich stehen, klingen sie nicht annähernd so gut, wie wenn der Mittelton auf ca. Ohrhöhe spielt.

Das kann ich beides aus eigener Erfahrung bestätigen. Deshalb hatte ich auch geschrieben, dass zum Teil manche Höhen durch die inverse Anordnung nach unten wanderten, es gab dabei keine "unlogischen" Erscheinungen wie ein Becken unter der Trommel. Manche Instrumente mit starkem Hochtonanteil spielten jedoch vertikal "komprimierter" sowie bedeutend tiefer als z.B. weiche Blasinstrumente, Solostimmen oder Klavier. Das erzeugte eine etwas irritierende Bühnenabbildung.

Wie gesagt kann ich hierbei natürlich keine wirklich gesicherten Aussagen treffen, weil ich unter anderem bei meinem Experiment nur Passivlautsprecher zur Verfügung hatte, die unveränderbar fertig abgestimmt für einen stehenden Betrieb mit Hochtöner zuoberst vorgesehen sind.

Bezüglich Absenkung der Schallquelle (Lautsprecher) kann ich nur sagen, dass für mich persönlich bereits die weiter zuvor im Thread genannten 10 Grad Abweichung von Ohrhöhe eindeutig zuviel sind. Da sehr viel Lokalisation auf Ebene des Hochtöners geschieht, würde ich diesen mittlerweise nicht mehr als 5 Grad unter-/oberhalb der Ohrhöhe positionieren wollen. Der Mitteltöner scheint dabei komischerweise etwas weniger kritisch zu sein.

Hans-Martin hat geschrieben:Ein anderer Aspekt: Wenn ich im Konzertsaal sitze, und die Orchestermusiker sitzen auf dem Podium niedriger als ich im Auditorium auf meinem Sitzplatz, wie müsste man die Lautsprecher aufstellen, um eine natürliche Wiedergabe zu erreichen?
Die Frage, wie es aus jener Perspektive klingt, wo die Mikrofone deutlich über den Köpfen für die Aufnahme schweben, darf man besser nicht stellen, denn diese Plätze kann man nicht buchen.
Abgesehen davon, dass man die beiden letzten Sätze für reine Rhetorik halten könnte, lohnt es sich, über das Zustandekommen einer Aufnahme nachzudenken, bevor man über die optimale Ergänzung der Aufnahme/Wiedergabe-Kette, sprich Wahl der Lautsprecher und ihre Positionierung nachdenkt.
...
Und spätestens hier müsste auffallen, dass es kein Stereo-Paradigma gibt, keine vereinheitlichtes Aufnahmeschema (außer vielleicht Kunstkopf-Aufnahmen für Kopfhörerwiedergabe) lässt auch kein vereinheitlichtes Lautsprecheraufstellschema zu. Denn anhand eines gleichseitigen Dreiecks von Boxen/Hörplatz mit neutral-linearem FG bei der Box müsste es dem Aufnahmetechniker doch möglich sein, realitätsnahe Aufnahmen zu machen und per Tonträger oder Download zu vermarkten, die unter bekannten und vorgegebenen Wiedergabebedingungen wiedererkennbar sind.
...
Es ist ein heikles Thema, wie man mit vorhandenen Aufnahmen Erkenntnisse gewinnt, Tendenzen erkennt, aber letztlich mit nur einem Aufbau für alle Fälle / Aufnahmen beste Ergebnisse erhalten möchte.
Vielleicht muss man die Aufnahmen nachbearbeiten und wegspeichern, derart, dass sie mit einem eingemessenen vorgegebenen Lautsprechersystem relativ bessere (optimale will ich nicht sagen) Ergebnisse liefern.

Dass man nicht DEN optimalen Lautsprecher bauen kann, wenn u.a. die Kenntnis über Entstehung und Beschaffenheit der Aufnahme fehlt, ist klar. Trotzdem wird wohl niemand bestreiten, dass es gewisse Grundregeln beim Lautsprecherbau zu beachten gilt, die in jedem Fall zu einem objektiv annehmbareren Klang führen. Den Anspruch zu erheben, einen "perfekten" Lautsprecher zu bauen, liegt mir absolut fern.

Ich finde es persönlich wichtig, mich immer wieder darauf zurückzubesinnen, dass all die Spielerei an Technik eigentlich nur Mittel zum Zweck bleiben sollte, nämlich zum intensiven Erfahren der Musik. Ich möchte mich aus diesem Grunde auch überhaupt nicht mit den Unzulänglichkeiten von Aufnahmen beschäftigen, womöglich noch mit dem Versuch zur nachträglichen individuellen Optimierung jeder einzelnen, sondern eine Wiedergabekette schaffen, die einen gesunden Kompromiss zwischen originalgetreuer Abbildung und "Schönfärberei" findet. Ich möchte meine Zeit viel eher damit verbringen wunderschöne Musik zu genießen. Zufriedenheit beruht größtenteils auf innerer Einstellung und Besinnung. Diese durch das Herbeiführen äußerer Zustände erreichen zu wollen, führt niemals zum Ziel.

Beste Grüße,
Jannis
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Beitragvon Hans-Martin » 29.06.2015, 11:19

Nova Auralis hat geschrieben:Zufriedenheit beruht größtenteils auf innerer Einstellung und Besinnung. Diese durch das Herbeiführen äußerer Zustände erreichen zu wollen, führt niemals zum Ziel.


Hallo Jannis
Der Weg kann das Ziel sein, die intensivste Beschäftigung habe ich bei der Optimierung der einzelnen Tracks. Das macht Spaß, und später beim erneuten Abhören kann man sich gemütlich zurücklehnen und wissen (oder sich einbilden), das Mögliche getan zu haben. Das ist sehr entspannend...
In der Technik gibt es so viele Dinge, die miteinander verknüpft sind, dass man in eine neue Welt eintaucht, in der viele Kompromisse gemacht werden müssen. Auch hier kann man sich irgendwann gemütlich zurücklehnen und wissen (oder sich einbilden), das Mögliche getan zu haben. Das ist sehr entspannend...
Grüße Hans-Martin
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Beitragvon Nova Auralis » 29.06.2015, 12:56

Hans-Martin hat geschrieben:Der Weg kann das Ziel sein, die intensivste Beschäftigung habe ich bei der Optimierung der einzelnen Tracks. Das macht Spaß, und später beim erneuten Abhören kann man sich gemütlich zurücklehnen und wissen (oder sich einbilden), das Mögliche getan zu haben. Das ist sehr entspannend...
In der Technik gibt es so viele Dinge, die miteinander verknüpft sind, dass man in eine neue Welt eintaucht, in der viele Kompromisse gemacht werden müssen. Auch hier kann man sich irgendwann gemütlich zurücklehnen und wissen (oder sich einbilden), das Mögliche getan zu haben. Das ist sehr entspannend...

Du hast vollkommen Recht, auch diese Herangehensweise ist absolut legitim. Wenn der Weg als solcher Spaß bereitet und erfüllt, ist das Ziel des Glücklichseins erreicht. Zwar mit einer Vision vor Auge eines auf irgendeine Weise noch weiter "verbesserten" Zustandes, lebt man ja auf diese Weise ebenfalls im Augenblick, wohl dem einzigen Ort an dem das Glück zu suchen ist.

Meine Aussagen waren eher als persönliche Selbstreflexion zu werten, denn in unterschiedlichen Lebensbereichen erkannte ich mit der Zeit, dass ich leicht den Fehler begehe, mich im Eifer der Optimierungen zu sehr auf das Negative zu fokussieren und so eine stetige Unzufriedenheit zu züchten. Für meine persönliche Weiterentwicklung galt und gilt es deshalb zu lernen, mich im Hier und Jetzt mit dem glücklich zu schätzen, was ich habe.

Das schließt natürlich von dir gesagtes in keiner Weise aus, denn den Weg kann man schließlich ebenso ganz bewusst mit Freude gehen und jeden Schritt, jedes erreichte Zwischenziel auf seine Weise würdigen. Ein schöner Nebeneffekt beim Hinarbeiten auf konkrete Ziele: Man kommt "voran". :cheers:

Nun aber vielleicht genug des OT...

Beste Grüße,
Jannis
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