Dynamic Range verbessern mit ReLife

Musikwiedergabe über PC und Mac
Purist
Aktiver Hörer
Beiträge: 33
Registriert: 02.02.2020, 08:22
Wohnort: 70839 Gerlingen

Dynamic Range verbessern mit ReLife

Beitrag von Purist »

Das Problem ist, dass Musik oder Alben, die einem eigentlich gut gefallen, nur in mehr oder weniger stark komprimierter Form angeboten werden, also mit einem einstelligen Dynamic Range (DR). Es gibt auch eine Datenbank, in der über 140.000 Alben erfasst sind: http://dr.loudness-war.info/
Um dieses Problem zu reduzieren, verwende ich das Tool ReLife von Terry West. Im Folgenden möchte ich anhand eines konkreten Beispiels den Ablauf darstellen, wie aus DR7 in wenigen Minuten DR11 wird und dabei auch mehrere tausend „clipped samples“ pro Track komplett beseitigt werden.
Zum Einsatz kommt ReLife 1.5, das hier erworben werden kann:
https://www.terrywest.nl/utils.html
Wer zunächst nur testen möchte, kann die Freeware nutzen:
http://www.vst4free.com/free_vst.php?pl ... fe&id=1732
Allerdings bitte nur zu Testzwecken. Wenn es gefällt, sollte jedem die Vollversion eine entsprechende Spende wert sein.
Das Tool ist ein VST plugin und kann so in viele Software-Player integriert oder mit Audacity verwendet werden. Prinzipiell kann man es direkt im normalen Renderpfad nutzen und damit live hören. Ich empfehle, die Musik zu rendern und zu speichern, da man dann Album für Album individuell optimieren kann. Letzteres versuche ich zu erläutern am Beispiel foobar2000.
Das Album „Schlagschatten“ von AnnenMayKantereit liegt als Ausgangsmaterial in CD-Qualität vor, die DR Analyse sieht so aus:
Bild
Ergänzend liefert das Tool „Clipping Analyzer“ eine Detailanalyse (Microsoft Excel Datei). Beschreibung und Download: http://www.ber-sd.com/dl_clipping.html
Mit „Analyse files completely“ oder „Daten vollständig analysieren“ bekommt man nach kurzer Wartezeit ein „BatchClipResult“ im zweiten Reiter:
Bild
Beim Beenden des Clipping Analyzer in Excel immer „nicht speichern“ klicken, sonst werden die Skripte verändert, noch sicherer: die Ausgangsdatei auf „readonly“ setzen. Erstes Fazit: hier lohnt sich der Einsatz von Relife.
In foobar2000 gib es die Option „convert“ mit folgenden Einstellungen:
Bild
Als Output Format verwende ich auch bei 16bit Quellen 24bit flac, Plattenplatz kostet ja quasi nichts mehr, und die Amplituden werden so etwas präziser an leisen oder komplexen Stellen. Man kann aber auch mit „auto“ in der Ausgangsqualität speichern, auf einen Blindtest würde ich mich da nicht einlassen wollen ... Unter Processing wird das ReLife Plugin ausgewählt und konfiguriert:
Bild
Einstellung auf Stereo und Peaks auf 3, der Postgain nach Augenmaß, je nachdem wie stark komprimiert das Ausgangsmaterial ist und wie viel Headroom noch war (siehe Peak im foo_dr.txt). Ich starte oft mit -3, im Beispiel wird -8 verwendet. Ob es passt, kann man in der DR Analyse des neu gespeicherten Albums erkennen:
Bild
Man könnte den Headroom noch reduzieren, aber wichtig ist mir, dass kein Peak 0,00 dB dabei ist. Ansonsten würde ich erneut rendern, mit kleinerem Postgain, also z.B. -10.
Zum Abschluss liefert der Clipping Analyzer eine schöne Bestätigung der Berechnungen:
Bild
Bis jetzt haben wir Zahlen jongliert, die sehen alle sehr gut aus. Wenn man diesen Ablauf die ersten Male macht, möchte man evtl. auch direkt vergleichen, wie vorher / nachher klingt. Dabei ist es wichtig, bei gleicher RMS Lautstärke zu hören. Das bedeutet am Beispiel des ersten Titels „Marie“ (RMS vorher -9,10 dB -> RMS nachher -16,19 dB), dass wir die Lautstärke um 7 dB erhöhen oder das Original um 7dB leiser abspielen müssen!
Ich sichere die Original-Dateien in einem separaten Archiv. Wer weiß, ob es irgendwann noch bessere Algorithmen gibt?
Ich wünsche Euch viel Erfolg im LoudnessWar. Viele Grüße - Stefan
Bild
Melomane
Aktiver Hörer
Beiträge: 2043
Registriert: 14.10.2011, 18:30

Beitrag von Melomane »

Hallo Stefan,

danke für diesen sehr schönen hilfreichen Beitrag! Eine Frage zunächst (kommen bestimmt noch welche nach ;) ): Wie stellt du die gleiche "Vergleichslautstärke" sicher?

Viele Grüße

Jochen
Bild
Purist
Aktiver Hörer
Beiträge: 33
Registriert: 02.02.2020, 08:22
Wohnort: 70839 Gerlingen

Beitrag von Purist »

Melomane hat geschrieben:
04.02.2020, 14:06
Wie stellt du die gleiche "Vergleichslautstärke" sicher?
den Lautstärkeunterschied kann man wie beschrieben aus den DR-Analysen ablesen, Differenz der RMS-Werte nehmen. Da der Devialet einen digitalen Lautstärkeregler hat, kann ich dort manuell nachregeln, ansonsten hilft die Nutzung des Replay Gain im digitalen Player.
Ich halte aber sogar eher wenig von solchen AB Vergleichen. Wenn man ein Album vorher und nachher anhört und jeweils eine angenehme Lautstärke wählt, sind Unterschiede unüberhörbar: Instrumente und Stimmen sind besser separiert, spielen für sich mit mehr Ruhe. Die Musik lebt, atmet, es gibt wieder leise Stellen. Man darf aber keine Wunder erwarten, viele Aufnahmen kranken halt nicht nur an Kompression, sondern an Multimikrofonie, Musikern in verschiedenen Studios, Zeitdruck, etc.
Was ich in meiner Beschreibung vergessen hatte und ein Indiz für die Qualität von ReLife ist: gute Aufnahmen oder schon mit ReLife behandelte verändern sich nicht (außer in der Lautstärke bei schlecht gewähltem Postgain).
Gruß - Stefan
Bild
Hybrid-OLI
Aktiver Hörer
Beiträge: 183
Registriert: 15.02.2017, 19:23

Beitrag von Hybrid-OLI »

Interessanter Beitrag, Danke dafür.

Ich habe mit dem Plugin "Billie Eilish - When We All Fall Asleep, Where Do We Go ?" bearbeitet.
Dieses Album zeichnet sich durch brutale Hyperkompression aus und ist daher das ideale Testobjekt.
Die Einstellungen waren wie folgt ...
Preclean : ON
Peaks : 3
Post Gain : 0 dB


Hier die Ergebnisse :

Bild

Bild

Bild


Subjektiv ergibt sich tatsächlich ein besserer Klang, wenngleich bei dieser Aufnahme grundsätzliche Schwächen natürlich erhalten bleiben.
Bild
music is my escape
Aktiver Hörer
Beiträge: 1116
Registriert: 03.07.2012, 10:56
Wohnort: Leipzig

Beitrag von music is my escape »

Hallo Stefan, hallo an alle;

auch ich habe eben mal testweise einen Track behandeln lassen, der im Ursprung praktisch keinerlei Dynamiksprünge aufweist:

"A-BU –_ BUG –_ BU-CR" von Alva Notos 2019er Album "Alphabet"
https://www.youtube.com/watch?v=ze_4m_slMa8


Von links aus gesehen der erste Track ist das Original-WAV, daneben in der Mitte ein im Postgain mit Faktor 0 behandeltes und rechts eines mit Faktor 5:

Bild

Zu einem ernsthaften Hörvergleich bin ich noch nicht gekommen, optisch ist es aber schon ziemlich beeindruckend, was das Tool aus so einem Brocken heraus meißelt. Ich könnte mir vorstellen, dass hier bei einigen nicht ganz so verhunzten Produktionen durchaus einiges drin ist. Danke für den Tipp!

Beste Grüße,
Thomas
:cheers:
Bild
wgh52
Aktiver Hörer
Beiträge: 5030
Registriert: 25.01.2008, 15:17
Wohnort: Schweitenkirchen
Kontaktdaten:

Beitrag von wgh52 »

Stefan,

Deine gezeigten Ergebnisse sind, schon nur "optisch" vergleichend, wirklich sehr beeindruckend! Danke Dir vielmals für's Teilen! :cheers: :cheers: :cheers:

Grüße,
Winfried

4815
Bild
Hans-Martin
Aktiver Hörer
Beiträge: 7056
Registriert: 14.06.2009, 15:45

Beitrag von Hans-Martin »

Hybrid-OLI hat geschrieben:
04.02.2020, 20:31
Bild
Hallo Oli, ich bin ebenfalls beeindruckt und -übertrieben ausgedrückt- Stefan unendlich dankbar für diese Endeckung.
Es sind solche Momente, in denen Foren sich für mich auszahlen.
Das obige Bild wirft für mich interessante Fragen auf. Betrachte ich das 4. Fünftel, sehe ich 3 "Blöcke" unterschiedlicher Amplituden, wobei der 3. davon (oder der 13. von 16 gesamt) ursprünglich am stärksten ins Clipping führte, nach Bearbeitung aber in schwächeren Amplituden resultiert als die vorhergehenden.
Da die Behandlung sich besser anhört, hat ReLife offenbar Algorithmen, die weit über eine einfache Amplitudenkennlinie hinweggehen.
Ich finde das Thema sehr spannend - und freue mich über diese Bereicherung!
Grüße
Hans-Martin
Bild
hkampen
Aktiver Hörer
Beiträge: 312
Registriert: 11.02.2018, 23:40
Wohnort: Köln

Beitrag von hkampen »

Hi,

Relife hab ich vor ein paar Jahren mal getestet und ganz ordentliche Ergbenisse bei den Supremes erziehlt. Clipping Analyzer kannte ich bisher noch nicht. Dafür habe ich bisher Adobe Audition verwendet, das auch Clipping reparieren kann.

Grüße
Harald
Bild
OpenEnd
Aktiver Hörer
Beiträge: 558
Registriert: 02.01.2008, 13:05
Wohnort: 93083 Obertraubling
Kontaktdaten:

Beitrag von OpenEnd »

Funktioniert das Plugin auch mit 64bit JRiver Mediacenter?

Gruß Charly
Bild
Donny
Aktiver Hörer
Beiträge: 244
Registriert: 02.01.2016, 00:46
Wohnort: Mittelfranken

Relife für MAC OS

Beitrag von Donny »

Hallo,

gibt es das auch für MAC OS? Ich habe da nichts gefunden.

Viele Grüße
Dietmar
Bild
Hybrid-OLI
Aktiver Hörer
Beiträge: 183
Registriert: 15.02.2017, 19:23

Beitrag von Hybrid-OLI »

Es handelt sich dabei um ein Windows only 32bit Vst - Plugin.
Sofern eine VST-Bridge im 64bit - Host vorhanden ist sollte es funktionieren.
Lief bei mir in MAGIX Samplitude Pro X4 Suite 15 problemlos.

Der verwendete Algorithmus schein speziell Tieftonenergie zu entziehen.
Das mache ich bei zu stark komprimierten Tracks beim Remastering ebenso.
Das hört und sieht man dann deutlich. Speziell im Kickbassbereich um die 100Hz
wird gerne maßlos übertrieben damit es auf mäßiger Abhöre (Autoradio, Handy,
Küchenradio) möglichst eindrucksvoll klingt. Kommt der psychoakustische
Maskierungseffekt hinzu, wird der Subbass zunehmend verdeckt.

Eine Veränderung des DR-Wertes von 4 auf 10 ist enorm !!!
Ich bin mächtig beeindruckt. :D
Bild
Donny
Aktiver Hörer
Beiträge: 244
Registriert: 02.01.2016, 00:46
Wohnort: Mittelfranken

Beitrag von Donny »

Hybrid-OLI hat geschrieben:
04.02.2020, 23:55
Es handelt sich dabei um ein Windows only 32bit Vst - Plugin.
Sofern eine VST-Bridge im 64bit - Host vorhanden ist sollte es funktionieren.
Lief bei mir in MAGIX Samplitude Pro X4 Suite 15 problemlos.
,,
Hallo,

ach so.

Danke für die Info. Aber heißt das jetzt:
Windows only :
Mac Catalina - läuft nicht - man braucht generell Windows.

oder
Sofern eine VST-Bridge im 64bit - Host vorhanden ist sollte es funktionieren
Mit der entsprechenden VST-Bridge (hättest Du da einen Link) , von 64bit auf 32bit und OSx zu Windows "transformiert" bekomme ich das auch auf dem Mac zum laufen?. Oder war das der Hinweis für Windows Nutzer mit 64bit , dass sie die VST-Bridge zu 32bit benötigen.

Da fällt mir das schöne Lied von Karat ein - aber ich hoffe, dass eine langt. :cheers:


Viele Grüße
Dietmar
Bild
Buschel
Aktiver Hörer
Beiträge: 861
Registriert: 12.12.2013, 20:12
Wohnort: Raum Karlsruhe

Beitrag von Buschel »

Hallo zusammen,

das Programm gibt es schon seit fast 10 Jahren, und es gibt interessante Diskussion im hydrogenaudio-Forum dazu, in denen "unter die Haube" geschaut wird (https://hydrogenaud.io/index.php?PHPSES ... c=80679.25). Die Zusammenfassung in wenigen Sätzen kommt in diesem Beitrag: https://hydrogenaud.io/index.php?topic= ... #msg704155.

Re-Life ist kein Expander, der Dynamik wiederherstellt.

Viele Grüße,
Andree
Bild
uli.brueggemann
Aktiver Hersteller
Beiträge: 4128
Registriert: 23.03.2009, 15:58
Wohnort: 33442
Kontaktdaten:

Beitrag von uli.brueggemann »

Moin,

siehe dazu auch die Diskussion mit https://www.kvraudio.com/forum/viewtopi ... 8#p3863348
Und Christian Budde ist bezgl. Plugins kein Unbekannter (http://www.pcjv.de/vst-plugins/)

Grüsse
Uli
Bild
Purist
Aktiver Hörer
Beiträge: 33
Registriert: 02.02.2020, 08:22
Wohnort: 70839 Gerlingen

Beitrag von Purist »

Hallo zusammen,
als ich heute morgen die vielen Posts mit ersten Testergebnissen gesehen und durchgelesen habe, fiel mir auf, dass bisher noch wenig gehört, stattdessen nach dem technischen Hintergrund geforscht wurde. Daher die Bitte an Euch: macht Hörvergleiche, es geht doch eigentlich darum, ob Musik, die durch Kompression und Clipping beeinträchtigt ist, uns ansonsten aber gefällt, mit irgendwelchen Techniken "aufgehübscht" werden kann. Da ich mit ReLife subjektiv damit weitergekommen bin als mit anderen Ansätzen, wollte ich diese Vorgehensweise Euch nahebringen.
Zur technischen Seite: die Wirkung habt Ihr in diversen beeindruckenden Beispielen nachvollziehen können. Es handelt sich nicht um eine Veränderung des Frequenzgangs, das lässt sich mit Musicsope oder Audacity leicht prüfen.
Beispieltrack: 01. Marie in Audacity vor und nach ReLife:
Bild
Bild
Das Tool verwendet auch keine mathematisch komplizierten Algorithmen (minimale Prozessorlast von ca. 0,1% realtime), keinen ersten und zweiten Durchlauf. Ich gehe davon aus, dass die erste oder /und zweite Ableitung des Musiksignals eine Rolle spielt, also die Veränderung der Amplituden.
Zusammengefasst: ReLife verändert das Musiksignal so, dass es in allen Analysetools besser aussieht als zuvor. Die Beurteilung, ob es auch besser klingt, bleibt jedem selbst überlassen. Mich wird niemand davon abbringen, es so lange zu verwenden, bis es etwas besseres gibt, aber ich freue mich über jedes Album, das keiner Bearbeitung bedarf!
Ich bin gespannt auf weitere Hörerfahrungen: Listen and you will see
Viele Grüße - Stefan
Bild
Antworten