McNeely & Rannenberg - Blues at Daybreak (Blues)

Klangperlen und künstlerische Leckerbissen

McNeely & Rannenberg - Blues at Daybreak (Blues)

Beitragvon Franz » 30.06.2008, 13:28

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Nenne es Mythos, Legende, Klischee. Der "Blues in the night", der "Blues after hours" trägt die schwärzesten Töne bon Blau. Und nun erst der Blues At Daybreak! - wo doch, wie es heißt, die Nacht am dunkelsten ist, kurz vom ersten Morgengrauen.
Nenne es Mythos, Legende, Klischee. Es gäbe sie nicht ohne die Wirklichkeit, die sie überhöhen, ausschmücken oder trivialisieren. Die Wirklichkeit - also wie etwas gewirkt = geschaffen und bewirkt wird - ist in diesem Fall: Ein Musiker kann nie ganz seine Musik machen, wenn er sie als performance vor einem und für ein Publikum spielt. Zumal, wenn er oder sie wie im Blues als Identifikationsfigur, im deutschen Bluesmilieu leider immer häufiger gar als Stimmungsmacher auf der Bühne stehen. Seine oder ihre Musik spielen oder singen sie oder erst "after hours", für sich, bei sich selbst, sich selbst öffnend.

Nenne es Mythos, Legende, Klischee. Doch verdammt lang ist die Liste derer, die (vor allem im Jazz, auch im Blues) für uns, für´s Publikum sangen und spielten, als sängen und spielten sie "after hours", sich ganz entäußernd, und die daran zugrunde gingen. Die aber, die "performance" und "after hours" säuberlich zu trennen wußten, lebten glücklich und zufrieden - und wenn sie nicht gestorben sind........naja.

Und nun dieses kleine Wunderwerk: Blues At Daybreak. Blues von der schwärzesten Stunde bis zum ersten "Woke Up This Morning"-Sonnenstrahl , löst den Konflikt zwischen "performance" und "after hours" auf. Big Jay McNeely, Chris Rannenberg - beide spielen "für sich, "also "after hours", und sind zugleich jeweils das Publikum für die "performance" des anderen. Doch da sie dies gleichzeitig und zusammen tun, kommen sie immer zueinander. Zwei, die sich - Blues At Daybreak - in irgendeiner Spätnachtsfrühmorgenskneipe ihre Geschichten erzählen, und in den meisten Fällen, Stücken, songs, entsteht dann aus den zwei Geschichten eine einzige stimmige story. Spannend und zugleich so entspannt, wie der Mythos, die Legende, das Klischee vn "after hours"-Blues es heraufbeschwören. Und daß da Geschichten vom Leben - wovon wohl sonst? - erzählt werden, macht Big Jay im Titelstück sofort klar. Da zitiert er, gleich mit den ersten Tönen und in der Schlußpassage dann noch mehrmals, den Anfangstakt - na, wovon wohl?: - von "Blues in the Night". Und der wird so gesungen: "My Mama done told me...."

Was deine Mama dir aber vermutlich nicht erzählt hat, weil sie es dir nicht erzählen konnte, ist dies: daß es in weitgehend improvisierter Musik keine riskantere Kombination gibt als das Duo. Als Solo-Artist kannst du aus jedem Fehler - wenn´s gar nicht anders geht - immer noch einen Jux machen; und in einer Band könnte sich, wenn´s sein muß, Jedermann hinter Jederfrau (oder umgekehrt) verstecken. Dioch nur das Duo agiert im freien Fall ohne Netz, die zwei Artisten in der Zirkuskuppel dürfen keinen Moment ratlos sein, und beide müssen immer auf den Bruchteil einer Sekunde genau (sich) an der richtigen Stelle einsetzen, damit es - auch At Daybreak - keinen Absturz gibt.

Was deine Mama wahrscheinlich auch nicht weiß: Daß Cecil James "Big Jay Mc Neely (Jahrgang 1927) zur Hoch-Zeit des Rhythm & Blues in den späten Vierziger, frühen Fünfziger Jahre einer von den kommerziell kurzfristig erfolgreichen - und von der Jazzkritik verachteten - "Honkers" war, ein Saxophon-Brüller, dessen ABC aus Schreckensschreien und Jauchzerjubel dann freilich die zu recht hochgerühmten Jazz-Saxophonisten der Wilden Sechziger wie John Coltrane und Albert Ayler bis zum "Z" ausbuchstabierten und daß er bei "Blues At Daybreak" geradezu exemplarisch vorführt, wie wirkungsvoll selbst einfachste melodische Figuren sein können - wenn sie denn so lässig-sorgsam, so präzis eher vor oder hinter als mit dem Beat, so sprechend oder auch mal flüsternd, saxy und sexy gesetzt werden wie eben von Big Jay At Daybreak; und daß er ganz nebenbei noch klarstellt, was eine gute Blues-Stimme braucht: nicht unbedingt viel Stimme, aber ganz gewiß das Timbre, das Timing, den Witz und die musikalische Gewitzheit des Blues.

Und Mama wüßte wohl auch nicht, daß Chris Rannenberg (Jahrgang 1956) von allen anderen - vielleicht historisch beschlageneren, vielleicht fingerfertig-virtuoseren, vielleicht auch mehr auf Erfolg programmierten - Blues-and-Boogie Pianisten und Entertainern hierzulande eins und Entscheidendes trennt - daß Chris das eine und andere Jahr mit den Blues-Leuten in deren Milieu gelebt und, leben lernend, den schwarzweißlastigen Blues zu spielen gelernt hat. Jetzt hört euch mal an, wie er in den langsamen Stücken gegen die ohnehin obligatorischen 12/8-Unterteilungen links rechtshändig noch was anrollen läßt! Nur mal so als Beispiel.

Nenne es Mythos, Legende, Klischee: Okay. Aber dann hör dir an, wie das alles wirklich ist und wie wirklich das alles ist, wenn zwei wie Big Jay und Chris ihn spielen - den Blues At Daybreak.

Quelle: Liner notes aus dem Album-sleeve

Autor: Manfred Miller

Recorded on July, 12th, 1991 at Tonstudio Wiemann, Vehrte
Eneneered by Detlef Wiemann

Special Guest: Angela Brown on " I Believe in Love"

1992 Acoustic Music Records / Sordino Musikverlag

Gruß
Franz
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