The Decca Sound

Klangperlen und künstlerische Leckerbissen
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Melomane
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The Decca Sound

Beitrag von Melomane »

Decca als äußerst wohlschmeckendes Label zu empfehlen, hieße Beulen nach Athen tragen. Dennoch - mir ist diese jüngst erschienene CD-Box vor einigen Tagen in die Hände gefallen:

http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/ ... um/9807898

Bei einem Blick auf die "Besetzungsliste" stellt man fest, dass es sich um eine Mischung aus Alt und Jung handelt. Sowohl die alten Legenden sind vertreten als auch Aufnahmen aus jüngerer Zeit. Ich habe mich bislang an die alten Aufnahmen gehalten. Zu meiner Freude und positiven Überraschung handelt es sich dabei um aktuelle Remasterings. Die stammen aus der Werkstatt alter Decca-Hasen (The Audio Archiving Company), die sich nach der Auflösung der Decca-eigenen Studios selbständig gemacht haben. Und Paschal Byrnes zumindest hat einen ganz hervorragenden Job gemacht (ich habe bisher nur seine Arbeit genießen können). Ich hatte heute Besuch von einem überzeugten 150%igen Vinyl- und Analoghörer. Selbst der gab unumwunden zu, diese Box umgehend kaufen zu wollen. Plakativ gesagt wurde das analoge Material in die Moderen tranferiert, ohne dabei das analoge Feeling über Bord zu werfen. Es kommt zu der vielberufenen analogen Wärme eine Klarheit und Durchsichtigkeit hinzu, die keineswegs stört, sondern den Einblick in die Struktur der Partitur nur fördert. Das macht richtig Spaß.

Natürlich ist das nun keine LP mehr, aber auf ihre Art eine wie gesagt äußerst wohlgelungene Überarbeitung hervorragenden alten Materials. Dicke Empfehlung von mir.

Disclaimer: Ich habe bislang nur einen Bruchteil der 50 CDs gehört. Aber selbst wenn die anderen Aufnahmen ein Flop sein sollten, allein für die bislang gehörten etwa von Brittens Requiem lohnt sich die Anschaffung meiner Meinung nach.

So, wenn nun der eine oder andere Interessent zuschlagen möchte - es ist genaues Hinsehen angesagt. Es gibt nämlich eine gleichnamige LP-Box mit mageren sechs Platten drin. Nicht dass sich jemand verklickt...
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Hans-Martin
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Beitrag von Hans-Martin »

Hallo Jochen
Danke für den tollen Tip!
Auf der Suche nach Details fand ich dieses Seite bei DECCA mit mp3 Hörbeispielen
und mit Angabe der Interpreten und des ursprünglichen Erscheinungsjahres diese bei PRESTO.
Einige Aufnahmen hat man ja schon in der Sammlung....
Alle meine DECCAs sind invertiert, auch die JVC XRCD K2 Versionen.
Grüße Hans-Martin
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Melomane
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Beitrag von Melomane »

Um möglichen Enttäuschungen vorzubeugen:

Es sind nicht alle CDs von demselben hohen Rang des Klangeindrucks. Es gibt mindestens drei Gruppen:

1. Die von Pascal Byrnes remasterten alten Analogaufnahmen. Die sind allererste Sahne soweit bislang gehört.
2. DDD, teils aus der Frühzeit der Digitaltechnik. Das hört man, zumindest bei der bislang verkosteten. Denn es mangelt an den Qualitäten der Gruppe 1, was wohl mit den einstigen Limitierungen der frühen Digitaltechnik zu erklären ist (vgl. auch 3.)
3. Analogaufnahmen, die von (wenn die Daten des Booklets zuverlässig sind) unbekannter Hand ins Digitalformat transferiert wurden. Der einen Einspielung, die ich aus dieser Gruppe bisher in der Hand hatte, fehlt es an Brillanz, Bühnenwirkung , Durchsichtigkeit und Ausgewogenheit der Gruppe 1. Dass gerade diese Aufnahme als hier vorliegende CD Potential verschenkt, zeigt ihr Vinylgeschwister deutlich, jedenfalls in der Ausgabe als MFSL-Reissue.

So oder so aber eine in vielerlei Hinsicht spannende Geschichte.
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Hans-Martin
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Beitrag von Hans-Martin »

Hallo Jochen
Der Vergleich Vinyl mit einer einzelnen CD reicht mMn nicht aus, um verschenktes Potenzial bei einer CD nachzuweisen.
Es könnte sein, dass es um den generellen Unterschied einer gut gemachten Vinyl-Überspielung zu einer unverfälschte Überspielung vom Masterband auf CD handelt.
Was passiert, wenn die Stereokanaltrennung herabgesetzt wird, kann man hier hören. Ein Tonabnehmersystem macht etwas ähnliches beim Abspielen von Vinyl.
Ein unschöner Nebenaspekt von Stereo ist die tonale Verfälschung aller Phantomschallquellen, also wenn das Signal von 2 Lautsprechern "zusammengesetzt" wird. Ein reines Monosignal klingt aus der Mitte anders als aus einem einzelnen Lautsprecher.
Wir haben uns an diese künstliche "Brillanz" zuhause dermaßen gewöhnt, dass der Besuch einer Livedarbietung ohne Verstärkung als stumpf und glanzlos empfunden wird, wenn nicht frühe Reflexionen das Signal entsprechend aufmischen.
Stereo macht mehr als nur zweimal Mono und noch Rauminformation dazu,
Vinyl steuert dagegen und wirkt vielfach "realistischer", zumindest sympathischer - trotz oder gerade wegen seiner vielen Fehler.
Die Entwicklung der DECCA-Mikrofonaufstellung beschreibt Eberhard Sengpiel hier, und nach Irrungen und Wirrungen ist das Optimum mMn nicht gefunden.
Ich bevorzuge eindeutig Aufnahmen mit enger Mikrofonplatzierung wie ORTF oder XY.
Grüße Hans-Martin
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Melomane
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Beitrag von Melomane »

Hans-Martin, grundsätzlich hast du natürlich Recht. Zumal ja das Problem ist, dass niemand, der nicht bei der Aufnahme dabei war und die Bänder damals abgehört hat, wirklich weiß, was an Potential in eben diesen Bändern steckt. Aber für eine CD(-Abmischung) einer bestimmten Aufnahme, die weniger gut als die LP klingt, lässt sich mbMn schon konstatieren, dass sie nicht so befriedigende Resultate zeitigt wie die schwarze Konkurrenz. Welche Variante dabei näher am Originalband ist, ist damit allerdings nicht gesagt. Und ein genereller Trend für andere CDs aus der Box lässt sich daraus gewiss auch noch nicht ableiten. Das sollte auch nicht geschehen, denn es kann ja sein, dass Abteilung 3 einzig aus dieser einen CD besteht. ;)
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Hans-Martin
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Beitrag von Hans-Martin »

Hallo Jochen
Die CD ist näher am Masterband. AD-Wandler machen wenig Fehler. Das ist immer wieder bestätigt worden.
Dennoch wird in der Praxis die fehlerbehaftete Vinylwiedergabe bevorzugt. Dafür gibt es viele Gründe, angefangen bei HRTF.
Wer glaubt, das unverfälschte Original-Masterband müsse optimal sein, hat noch einige Überraschungen vor sich.
Und schon wieder Sengpiel...
Grüße Hans-Martin
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Melomane
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Beitrag von Melomane »

Wenn denn vom Masterband (und ich meine jetzt nicht die Production Copy, die oft landläufig als Masterband bezeichnet wird) ohne weitere Behandlung die Musik zum Tonträger geschickt würde. Nur ist es doch wohl so, dass erst einmal eine tonträgerspezifische Abmischung vorgenommen werden muss. Und auf diese Abmischung zielte meine Bemerkung. Ich gebe zu, dass Thema Abmischung bleibt beim Vergleich CD - LP nur allzuoft explizit unerwähnt. ;)
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Melomane
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Beitrag von Melomane »

Hat schon mal jemand von euch an den 24/96-Downloads - erhältlich bei Highresaudio - genippt? Das müssten ja eigentlich die "Pressvorlagen" für die Decca Legends und auch für einen Teil der in dieser Box vertretenen Aufnahmen sein.
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Hans-Martin
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Beitrag von Hans-Martin »

Ich möchte noch hinzufügen, dass als Mikrofone am "DECCA Tree" bekannterweise die Neumann M50 zum Einsatz kamen

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Das Bild ist etwas gekippt, ändert aber nichts am steigenden Frequenzgang ab 3kHz.Das prägt die höhenbetonte Wiedergabe vieler DECCA Aufnahmen.

...die ich persönlich immer noch erträglicher als die der Deutschen Grammophon finde, bei denen offenbar noch viel mehr Mikrofone zum Einsatz kommen.

Beide Labels liefern invertiertes Material, welches besser klingt, wenn invertiert, oder einfach ausgedrückt, bei den Boxen Plus und Minus vertauscht werden.

Grüße Hans-Martin
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ebs
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The Decca Sound

Beitrag von ebs »

Hans-Martin hat geschrieben: am 17.10.2011, 22:01: Die Entwicklung der DECCA-Mikrofonaufstellung beschreibt Eberhard Sengpiel hier (als "PHASE 4 STEREO") http://www.sengpielaudio.com/Phase4.htm und nach Irrungen und Wirrungen ist das Optimum mMn nicht gefunden.
Dieser Hinweis kann falsch gedeutet werden, denn man erwartet, dass bei klassischen Aufnahmen allein der bekannte "Decca-Tree" mit drei Mikrofonen in Kugelcharakteristik gemeint ist.

Eine bedeutsame Anmerkung: Auch wenn "Phase 4 Stereo" von der Decca entwickelt wurde, genauso wie die klassische Aufnahmetechnik mit dem "Decca-Tree", so sind beide Systeme völlig verschieden - ja absolut gegensätzlich! Leider werden diese beiden unterschiedlichen Entwicklungen fälschlicherweise häufig in einen Topf geworfen.

"PHASE 4 STEREO" der Londoner Plattenfirma "DECCA", die in USA aus rechtlichen Gründen "LONDON" heißt, hat in diesem Falle ein Stereo-Aufnahme- und Mischungs-System in "Knüppelstereofonie" propagiert, das absolut nichts mit dem "Decca-Tree" zu tun hat. Das kann man alles in diesem Link hier lesen, den auch Hans-Martin oben angegeben hat: http://www.sengpielaudio.com/Phase4.htm

Diese PHASE 4 STEREO Schallplatten sind von der Mischung her hauptsächlich auf großen Effekt aus.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser aus Monosignalen zusammengeknüppelte Effect-Sound in diesem Forum Anklang findet.

Hier wird die tolle "Spielwiese für Sound-Freaks" in den Einzelheiten erklärt: http://www.endlessgroove.com/issue4/lp4s.htm

Viele Grüße ebs
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Truesound
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Beitrag von Truesound »

Ohne Frage eines der besten Threads in diesem Forum

Grüße Truesound
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Hans-Martin
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Beitrag von Hans-Martin »

Kann nicht sein, Dein Beitrag fehlt noch!

Grüße Hans-Martin
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Truesound
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Beitrag von Truesound »

Hans-Martin hat geschrieben:[...] ]Beide Labels liefern invertiertes Material, welches besser klingt, wenn invertiert, oder einfach ausgedrückt, bei den Boxen Plus und Minus vertauscht werden.
Hallo Hans Martin!

Schöner und einfacher ist es, wenn man am verwendeten VV nur mit einem Knopfdruck die Phase invertieren kann. :wink:

Grüße Truesound
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Truesound
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Beitrag von Truesound »

Hans-Martin hat geschrieben:Ich möchte noch hinzufügen, dass als Mikrofone am "DECCA Tree" bekannterweise die Neumann M50 zum Einsatz kamen

Bild

Das Bild ist etwas gekippt, ändert aber nichts am steigenden Frequenzgang ab 3kHz.Das prägt die höhenbetonte Wiedergabe vieler DECCA Aufnahmen.

...die ich persönlich immer noch erträglicher als die der Deutschen Grammophon finde, bei denen offenbar noch viel mehr Mikrofone zum Einsatz kommen.

Beide Labels liefern invertiertes Material, welches besser klingt, wenn invertiert, oder einfach ausgedrückt, bei den Boxen Plus und Minus vertauscht werden.

Grüße Hans-Martin

Hallo Hans Martin!

Bei welchen Einspielungen genau meinst du das invertiert besser klingt?

Grüße Truesound
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Hans-Martin
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Beitrag von Hans-Martin »

Alle DECCA, die ich kenne, sind invertiert, auch sämtliche L'Oiseau-Lyre (Decca-Sublabel mit Originalinstrumenten) ebenso die XRCDs von den legendären Espana! und Herold/Lanchbery La Fille Mal Gardee. Eine Ausnahme ist mir noch nicht begegnet. Bei manchen Aufnahmen ist es sehr schwierig, die Polarität herauszuhören, z.B. deFalla Der Dreispitz / Teresa Berganza und das Orchestre de la Suisse Romande /Ansermet.

Die Gegenprobe mit einem WAV-Editor bestätigt die richtige Wahrnehmung: wenn die Kesselpauke mit einem negativen Puls beginnt (Einschlagen = Unterdruck), ist die Aufnahme korrekt gepolt.
Ich kann per Fernbedienung (sehr hilfreich!) die Polarität umschalten, mit geschlossenen Augen die richtige Polarität wählen, und dann im Display die Schaltstellung auslesen. Mit etwas Übung reichen A-B-A schon aus.
Grüße Hans-Martin
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