Keith Jarrett - Budapest Concert

Klangperlen und künstlerische Leckerbissen
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alcedo
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Keith Jarrett - Budapest Concert

Beitrag von alcedo »

Ich schicke mal voraus, dass ich kein großer Keith Jarrett-Anhänger (mehr) bin noch dass ich mit seinen Aufnahmen immer glücklich geworden wäre. Zu groß waren mir doch die Unterschiede. Liegt vielleicht auch daran, dass ich die wunderbaren Live-Konzerte aus den 70ern nicht aus meinem Kopf bekomme ...

Doch das aus seiner Europa-Torunee 2016 herausgebrachte Live-Album "Munich 2016" empfand ich bereits als sehr außergewöhnlich: perfektes Rubato, wunderbar kontrapunktisches Improvisieren und ein nuancierter feinfühliger Anschlag. Keith Jarrett macht es seinem Publikum allerdings nicht leicht - so begann er in den letzten Jahren seine Konzerte (und eben auch die Aufnahmen) meist recht sperrig, dunkel, schwer.

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So auch in dem neu herausgekommenen Live-Doppel-Album "Budapest Concert"- eine Woche VOR dem München-Konzert aufgenommen, also auch aus 2016.

Man höre sich Part I an - für meine Ohren fast 15 Minuten recht schwierige Klangkonstrukte, die mir recht schnell die Lust am Zuhören nahmen. Doch Geduld wird bekanntlich belohnt - und so werden die Melodien immer eingängiger (z.B. Part V oder VII) und machen richtig Spaß. Interessierte werden ihre Freude auch an den bekannten Zugaben haben, wobei ich z.B. das wunderschöne "It´s a Lonesome Old Town" sehr spannend finde, da er genau diese Zugabe eine Woche später in München deutlich anders interpretierte.

Welche besser ist? Findet es selber raus - beide Aufnahmen sind sehr zu empfehlen :wink:

Beste Grüße
Jörg
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kontrabass
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Beitrag von kontrabass »

Es ist schon interessant die beiden Versionen von „it‘s a lonesome old town“ zu vergleichen.
Mir scheint die Budapester Aufnahme noch vergleichsweise positiver daher zu kommen, viel mehr Verzierungen, die piano-Stellen eher fast schüchtern zurückgenommen. Die ostinate Bassfigur der linken Hand ist „nur“Gerüst, auf dem sich die Verzierungen der rechten Hand entlangwinden, der Schluss ist eher hymnisch. Ich habe das Gefühl, dass hier ein positiver Ausklang beschrieben werden soll.

Die Münchner Aufnahme ist insgesamt gedeckter, zurückgenommener, keine große Agogik, deutlich weniger verspielt, der Schluss ist ruhiger, transzendenter, gedankenverloren, morbid (?), auf jeden Fall deutlich stiller als in Budapest.
Grund könnte sein, dass Keith Jarrett am 14.6. in Nizza war und unmittelbar das schreckliche Attentat miterlebt hat. Es stand ja überhaupt in Frage, ob er deshalb in München auftritt. Gott sei Dank ist er aufgetreten und hat uns an seiner Nachdenklichkeit und seinem Mitgefühl teilhaben lassen. gerade der Vergleich dieser beiden Titel macht es m.E. augen(ohren)fällig.

Wir hoffen auf weitere Veröffentlichungen aus dem ECM Archiv, denn auftreten wird er nicht mehr.

Michael
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music is my escape
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Beitrag von music is my escape »

kontrabass hat geschrieben:
20.11.2020, 18:36
Wir hoffen auf weitere Veröffentlichungen aus dem ECM Archiv, denn auftreten wird er nicht mehr.
Hallo Michael,

Obwohl selber eigentlich kein sonderlich großer Hörer von Jarret möchte ich mich hier gern anschließen.

Grüße,
Thomas
:cheers:
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alcedo
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Beitrag von alcedo »

Hallo Michael,

ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Keith Jarrett nach seinen multiplen Schlaganfällen noch einmal wird spielen können. In einem Interview las ich kürzlich, dass er mit seinem Gehstock gerade mal ums Haus laufen könne.
Wünschen wir ihm eine baldige Genesung ...

Beste Grüße
Jörg
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