Luki (der seinen Mangern genau zuhört)

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Bei Vorstellungen steht die persönliche, subjektive Erfahrungswelt des Verfassers im Vordergrund. Insbesondere soll die Vorstellung als "Visitenkarte" des Mitglieds gewürdigt bzw. respektiert werden. Dialoge sollten hier vorrangig mit dem Verfasser und nicht mit Dritten geführt werden. Siehe auch die Forumsregeln.

Luki (der seinen Mangern genau zuhört)

Beitragvon lukivision » 12.03.2014, 16:50

Hallo zusammen,

wann fing es bei mir an? Meine erste Erinnerung ist der Musikschrank meiner Eltern Anfang der 60er. Schweres Möbel mit Röhrenradio und darunter, von einer aufschiebbaren Klappe geschützt der Plattenspieler mit Kristallnadel und vielen 78er Platten. Durfte ich eigentlich nicht dran, aber ... ein paar Jahre später einen kleinen Lautsprecher (ohne Gehäuse) an ein Kabel gelötet, das an einen Klinkenstecker und dann in ein tragbares Tonbandgerät von Sanyo. Funktionierte! Sogar als Mikrofon! Stolz wie Oskar! Vom Cousin ein Grundig-Röhrentonbandgerät geerbt (mit magischem Auge!). Dann in der Bravo gelesen, man könne einen runden Lautsprecher oben auf eine leere Waschmitteltonne legen und das höre sich gut an - gesagt, getan: Brummboje fertig! Dann die ersten Heco-Chassis in eine geschlossene Box, Wahnsinn! Dann das erste Mal eine richtig gute, selbstgemachte Box von Freunden gehört und hab heute noch die Erinnerung an diese Wucht!

Aber leider fehlte immer Geld. Daher mußte Geld durch Kreativität ersetzt werden (und wird es auch bis heute). Anderen ging es ähnlich, und so hörte ich in den 70ern ziemlich viel seltsame Konstruktionen. Damals lag bei mir ganz klar der Schwerpunkt beim letzten Glied der Kette: den Lautsprechern. Da war mit bescheidenem finanziellen und handwerklichem Einsatz am meisten zu bewirken. Sehr bald hatte ich eine Abneigung gegen spitz klingende Kalotten und eine Vorliebe für hart aufgehängte Breitbänder (oder Gewebekalotten, wenn es möglich war). Resultat: Zwei waschmaschinengroße Trümmer mit je 5 ovalen Breitbändern aus alten Telefunken-, Saba-, Nordmende- usw. Radios nebst je 4 Papierhochtönern aus denselben alten Geräten, die nach vore, rechts, links und nach oben abstrahlten. Dann hörte ich ein bei einem Bekannten ein Paar Klipschhörner. Sie wurden jeweils von einem kleinen Röhrenverstärker gefüttert, die er für ein paar Mark aus dem Berliner Olympiastadion "bekommen" hatte. Ich war tief beindruckt. Mitte der 80er hatte ich eine Freundin, und die hatte: die ersten aktiven Lautsprecher, die ich je gehört hatte. Es war eine skandinavische Firma, deren Namen mir entfallen ist und die es heute auch nicht mehr gibt. Sie hingen an einer Vorstufe von Quad - ganz klein, ganz dezent. Das war schon sehr, sehr schön. Dann experimentierte ich mit Tonröhren aus dem Tiefbau als Gehäuse - kann ich nur empfehlen!

Ich höre seit Jahren nur noch vom PC. Mit dem kostenlosen "Fidelizer" werden alle nicht benötigten Dienste abgeschaltet und der PC auf optimale Audio-Wiedergabe vorbereitet. Die kostenlose Player-Software "Pureplayer" vom griechischen Idealisten Petralias http://www.diyaudio.com/forums/pc-based ... layer.html transportiert das Signal zum USB/SPDIF-Wandler. Das ist ein FiiO Olympus E10, der gleichzeitig auch der Verstärker für meine Sennheiser HD 560 Kopfhörer ist. Von dort geht es über eine ca. 15m lange Koax-Leitung per SPDIF in den DAC. Der DAC gibt das ins analoge gewandelte Signal vermittels 30cm kurzer normaler Cinchkabel an den Vorverstärker. Das ist ein von along aus China bezogenes Modul rund um einen PGA2311-Chip mit digitalem Poti und Fernbedienung http://www.ebay.de/itm/Upgrade-PGA23...ht_4598wt_1037. Für meine Ohren hört es sich absolut neutral an, ich höre keinen Unterschied, wenn ich direkt in die Endstufe gehe. Endstufe sind 2 L-15D mit 63(!)V Betriebsspannung SMPS von Hypex. Die Eingangskondensatoren der L-15D habe ich entfernt und überbrückt. Ich brauche sie nicht. Letztes Glied in der Kette sind die Lautsprecher. Hier bin ich seit nun ca. 15 Jahren glücklich mit dem Schallwandler von Josef Manger in einem gefalteten Exponentialhorn (Basstuba nach Herrn Möller). Die Musik spielt dann in einem ca. 25m² großen Wohnzimmer, und es hört sich gut an.

Wenn ich einen guten Tag habe und mein Kopf leer genug für konzentriertes Hören ist, staune ich jedes Mal darüber, wie fein die Luft vibrieren kann, wie gewaltig die tiefen Töne den Raum mit Masse füllen und wie zauberhaft die Töne schwingen. Ich bin jetzt 58 und höre schon lange nicht mehr alles, was z.B meine Kinder noch hören können - aber trotzdem: ich brauche dieses aktive Hören wie die Luft zum Atmen.

Luki aus Bochum
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Beitragvon GaK » 12.03.2014, 18:29

Hallo Luki,

schöne Vorstellung. Ich habe auch so einige Experimente in meiner Jugend gemacht. Eine Zeitlang standen mal mehrere qm große Spanplatten mit je 4 Breitbändern in meinem Zimmer (unendliche Schallwand ;-)).

Ich höre auch mit Manger, einer DIY Variante mit dem Bass aus der 103 in einem Gehäusenachbau der 107.

Ich wünsch Dir hier eine schöne Zeit,
Gruß Guido
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Beitragvon ujaudio » 12.03.2014, 20:24

Herzlich willkommen,

es ist immer herrlich zu lesen, was ihr so alles in eurer Jugend gehört habt. Da ich 56 bin habe ich sicherlich so ähnliche Erhörungen. Und glaube mir: wir hören sicherlich noch so gut, dass es sich lohnt, qualitativ hochwertige Komponenten zu besitzen. So mancher Jüngling dürfte schlechter hören als wir, ich sage nur "Discogeneration".

Einen lieben Gruß
Jürgen
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Beitragvon Zwodoppelvier » 12.03.2014, 21:27

Hallo Luki,

Könnten diese ersten aktiven Lautsprecher, die Du hörtest vielleicht von Kirksaeter gewesen sein? Allerdings ist hier nur der Name skandinavisch, entwickelt und gefertigt wurde m.W. in Düsseldorf.

Mit den Backloaded-Hörnern von Herrn Möller, gerade mit der Basstuba, habe ich auch damals geliebäugelt, als das erste Paar MSW ins Haus kam. Geworden sind es dann aber doch Zerobox 109 - später in teilaktivem Betrieb.

Mein Eindruck war immer, daß der MSW recht deutlich die Qualität des Verstärkers aufzeigt. Am besten gefallen haben mir hier Röhrengeräte mit ihrer fließenden, transparenten, aber körperhaften Wiedergabe.
Welche Verstärker hast Du so ausprobiert, bevor die Entscheidung für den LD15 fiel?

Viele Grüße
Eberhard
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Beitragvon Tinitus » 12.03.2014, 21:32

Hallo Luki,

willkommen auch von mir und danke für deine gelungene Vorstellung, in der man viel von der Begeisterung spürt, die die meisten von uns umtreibt. Ich selbst bin eher kein Heimwerker/Selbstbauer, bin aber immer wieder beeindruckt was andere zusammenbauen und mit welchem Ergebnis. Den Manger kenne ich nicht, aber er hat ja hier viele Freunde und Anhänger.

Weiterhin viel Spaß beim Musikhören und hier im Forum

PS Den Fidelizer muss ich mal ausprobieren
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Beitragvon Jake52 » 13.03.2014, 10:57

Hallo Luki,

nun muss auch ich mich mal bei den "Begrüßern" einreihen.
Den Grund siehst du hier auf einem älteren Bild: :D

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Schöne Grüße
Jakob
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Beitragvon lukivision » 13.03.2014, 20:02

Mensch Jakob! Das ist ja 'ne Idee! Wie hat sich das angehört?

Neugierig

Luki
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Beitragvon lukivision » 13.03.2014, 20:09

Hallo Eberhard!

ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an den Hersteller der Aktivboxen erinnern. Sie waren schwarz, im Sockel saß die Elektronik, der sichtbare Basstreiber war klein, erstaunlich klein - mehr fällt mir nicht mehr ein. Und vor meinen jetzigen Verstärkern hatte ich einen S.M.S.L. 50, davor einen NAD, wo mir wieder der genaue Typ nicht mehr präsent ist. Aber es war kein teures Teil.

Luki
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Beitragvon Jake52 » 13.03.2014, 20:27

Hallo Luki,

ich fand, es klang besser. Die Schallwand war 60 oder 62 cm im Durchmesser.


Gruß Jakob
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Wie es bei mir anfing VORSICHT, LANGER TEXT!

Beitragvon lukivision » 10.03.2015, 17:39

Angeregt durch "Ekstase im Alter" von Ilucki dachte ich mir, schreibst Du doch auch mal was. Aber das paßt nun besser hierhin, glaube ich.

Ich bin 1956 geboren. Meine frühesten musikalischen Erinnerungen reichen zurück in die frühen 60er Jahre. Meine Eltern hatten einen Musikschrank, oben Röhrenradio, unten Plattenspieler. Der spielte nur 2 Geschwindigkeiten: 78 oder 45 Umdrehungen. Das Radio wurde selten angemacht, manchmal abends, öfter am Sonntagnachmittag, wenn die Fußballübertragungen liefen. Ich sehe es noch vor mir: so hoch wie ich selber, das grün-magische Auge erwachte nach dem Anschalten. Links der große, schwere, braune Drehknopf für Laut oder Leise – das Poti, wie mein Vater es fachmännisch nannte. Rechts ein ebenso schwerer, gediegener Knopf für die Sender. In der Mitte jede Menge hell-cremefarbener Tasten und einiger Rändelschrauben, deren Sinn mir verborgen blieb. Darüber die beige-braune Lautsprecherabdeckung mit der geschwungenen, goldfarbenen Spange „Saba“. Was immer das heißen sollte. Fernseher hatten wir damals noch nicht. Für mich und meine 3 jüngeren Geschwister war das Gerät eigentlich tabu. Es zählte zu den Highlights in meinem Dasein, wenn mein Vater mir unter Aufzählung aller Vorsichtsmaßnahmen und Konsequenzen im Falle der Nichtbeachtung erlaubte, eine Platte aufzulegen und anzuspielen. Die wenigen Platten lagerten senkrecht in dunkelbraunen, stoffummantelten Drahtgestellen, ähnlich den Gestellen, die wir heute in Spülmaschinen für die Teller finden. Eine kleine 15-W-Lampe warf ihr gedämpftes Licht auf den Plattenteller. Der Tonarm war stromlinienförmig, vollverkleidet aus rotbraunem Plastik. Man konnte die Nadel von links nach rechts umklappen. Die eine Seite war für die 78er, die andere (ich meine, sie war grün markiert) für die 45er. Es gab keinen Tonarmlift. Die 45er-Platten waren flotter, die 78er gingen mir mehr zu Herzen. Ich habe als kleiner Junge viel Zeit vor diesem warmen Holzkasten verträumt. Es ging meist um einen Pferdehalfter an der Wand oder eine ausländische Frau, die von ihrem Papa, der „eine wunderbare“ Clown war, sang.

Mein Opa mütterlicherseits besaß ein wahres Wunderding, das so dermaßen sankrosankt war, daß ich es nur ein oder zweimal zu Gesicht bekam. Es hatte die wundersame Fähigkeit, bestimmte Radiosendungen irgendwie festzuhalten und zu beliebigen Zeiten wieder abzuspielen. Mein Opa war damit technisch, so die einhellige Meinung der gesamten Familie ganz, ganz weit vorne. Jahrzehnte später begriff ich, daß es ein Tefifon war, der Vorläufer der Cassettenrecorder. Verwendet wurden Kassetten mit einem endlosen Kunststoffband, in das die Tonsignale ähnlich wie bei der Schallplatte in spiralförmige Rillen eingraviert waren und von einer Abtastnadel gelesen wurden. Ich erinnere mich, daß es recht voll geklungen hat.

Aber der Fortschritt war nicht aufzuhalten und die altehrwürdigen Röhrengeräte wurden bald durch chice Transistorgeräte ersetzt. Der Klang war lange nicht mehr so voll, dafür waren die Geräte eben moderner. Ich erinnere mich an eine lange, verregnete Autobahnfahrt vom Bodensee zurück nach Essen, meine Geschwister schliefen, Peter Alexander sang dunkel-leidenschaftlich von einer „Die Leila“. Mein Vater fuhr und bediente das Autosuperkofferradio von Schaub-Lorenz, das man an der Beifahrerseite unter das Armaturenbrett des Opel Rekord einschieben konnte.

Mein jüngerer Bruder wurde schwerkrank, lag lange auf der Isolierstation im Krankenhaus und bekam gegen die Langeweile ein kleines MW-Radio geschenkt. Ich beneidete ihn darum.

Wieder genesen und zuhause hörten wir gemeinsam die Kinks von einem „Dandy“ singen. Solche Musik war total selten und man mußte mühsam nach Sendern suchen, die das spielten und dann geduldig auf die entsprechende Sendung warten.

Mein Vater hatte zu der Zeit aus Interesse und Neugier auf neue Technik ein kleines, batteriebetriebenes Tonbandgerät von Sanyo angeschafft. Nach kurzer Zeit verlor er das Interesse oder gab meinem Drängen nach und ich bekam das Teil. 8cm-Spulen, Mikrofoneingang, Kopfhörerausgang und Aussteuerungsautomatik. Kurz danach geschah etwas historisches: meine erste Lautsprecherbastelei. Ich hatte irgendwo einen kleinen 5-cm LS gefunden, Klingeldraht hatte ich auch und mein Vater besorgte mir einen kleinen Klinkenstecker. Mangels Lötkenntnis verzwirbelte ich die blanken Enden des Drahtes sowohl am Lautsprecher als auch am Stecker und – es funktionierte! Das Tonbandgerät tönte aus – je nachdem wie weit man den Stecker hineinsteckte- 1 oder 2 Lautsprechern! Meine erste „Stereo“-Anlage. War natürlich NICHT stereophon, aber das wußte ich nicht. Das allertollste war natürlich, das ich nun gezielt Musik aus dem Radio aufnehmen konnte. Nicht über einen Lineeingang, nein, den gab es nicht. Wir pflegten das Mikrofon, das eigentlich für Diktierzwecke gedacht war, an das Radio zu halten. Aber auch erst, nachdem wir mühsam gelernt hatten, daß es irgendwo einen Punkt in der Nähe der Lautsprecher gab, an dem es am besten klang. Das Mikrofon irgendwo auf den Tisch zu stellen war danach nur noch den Doofen erlaubt. Das Problem waren die Bänder: die waren unerschwinglich teuer. Ich habe noch heute ein paar selbstaufgenommene Stücke aus der Zeit auf Festplatte.

Wir waren inzwischen an die „Zonengrenze“ zur DDR umgezogen, in die Nähe von Celle und konnten den „Soldatensender“ (hieß wirklich so) der DDR empfangen, ein Propagandainstrument wie auf westlicher Seite AFN oder BFBS. Die spielten gelegentlich solche Hits. Es handelte sich um sogenannte „Beat-Musik“, kulturell gesehen absolut unterste Schublade, wohl noch unter Negerjazz (der hatte wenigstens den lustigen Lous Armstrong) wobei meine Eltern, Lehrer usw. von Hottentottengedudel sprachen. Wir aber waren elektrisiert, das war nicht nur eine völlig neue, nie gehörte Musik, es war das Versprechen einer neuen, eigenen Zukunft ohne den Muff und die Miefigkeit unserer Vorfahren. Nie gekannte Sehnsüchte und völlig neue Möglichkeiten tauchten auf.

Das Musikstück, das das alles und noch viel mehr für mich ausdrückte war dann „Hey Jude“ von den Beatles. Ich werde wohl nie den Nachmittag vergessen, als ich es zum ersten Mal hörte. Es war ein Entwicklungssprung.

In der Bravo hatte ich den Tip gelesen, daß ein Lautsprecher, auf eine Omo-Waschmittel-tonne gelegt, eine bedeutende Verbesserung der Basswiedergabe erfährt. Sie hatten recht und ich meine erste Box. Leider mußte ich dazu den Lautsprecher aus meinem Röhrenradio ausbauen. Die nachfolgende Verdrahtung mit Ausbau des Potis und Verlängerung der Leitung bis an mein Kopfende überforderte mein Knowhow z.B. hinsichtlich Masseanschluß, Brummeinstreuungen usw. allerdings bei weitem. Das Projekt blieb unvollendet.

Philips brachte den ersten Cassettenrecorder auf den Markt. Mein bester Freund bekam einen zu seinem Geburtstag geschenkt – und wieder wäre ich vor Neid fast geplatzt. Wie konnten meine Eltern das zulassen!

Die hatten damals sowieso wenig Freude an meinem neuen Hobby. Nicht nur das die Musik fremd und gefährlich war, auch ich veränderte mich zu einem langhaarigen, flaumbärtigen Gammler mit Postern von John Mayall und Jimi Hendrix überm Bett.

Von einem reichen Cousin bekam ich ein Grundig Röhrentonbandgerät geschenkt. Auf HR3, das ich mit meinem kleinen Röhrenradio so gerade eben bei gutem Wetter noch empfangen konnte lief nachmittags immer eine Sendung, ich komme nicht auf den Namen, sie hieß so ähnlich wie „Musik nach der Schule“. Eins der ersten Stücke, die ich mit dem neuen Gerät, das nun schon über DIN-Eingänge verfügte, aufnahm war „Mirror Man“ von Captain Beefheart. Eins dieser Stücke, das Biographien drehen kann. Wer es kennt, weiß, was ich meine. Wer nicht: Pech gehabt. Der Effekt funktioniert heute nicht mehr, die Wirkung ist eine andere.

Irgendwann Anfang der 70er ging der HiFi-Boom los. Bei Karstadt fanden sich in der Radio- und Fernsehabteilung „Radios“, die aus mehreren Teilen bestanden. Sogenannte Empfänger, Verstärker und 2 „Boxen“ (ein neues Wort für Lautsprecher) – eine für links und eine für rechts, teilweise mit mehreren Chassis, weil das besser klingen sollte. Ich habe dort Stunden und Tage hörend, lesend und die Verkäufer nervend verbracht. Es gab damals noch Prospekte, in denen die Produkte gewissenhaft bis ins Detail beschrieben wurden, und die mir einen Grundstock an Wissen vermittelten. Heco bot einzelne Chassis für Selbermacher an. Es tauchten erste Spezialgeschäfte auf, mit Marken wie Marantz, McIntosh, Quad u.a., die mir aufgrund der Preisschilder wie heilige, unerreichbare Tempel vorkamen. Ein älterer Mitschüler hatte einen sehr guten deutschen Verstärker und zwei schrankgroße, selbstgebaute Boxen mit riesigen, hart aufgehängten Bässen. Die Wucht und physische Kraft der tiefen Töne sind seitdem hängengeblieben und zum Maßstab geworden. Er spielte zu der Zeit vorwiegend englischen Blues, am meisten beeindruckt war ich von Peter Green.

Ich arbeitete in den Sommerferien im Keller einer Eisenwarenhandlung und sortierte im Lichte einer nackten Glühlampe Berge von Schrauben nach Länge und Durchmesser. Von dem Geld kaufte ich mir ein Saba 4-Spur Stereotonbandgerät mit eingebautem 2x10 Watt Verstärker und 2 Hochtöner und 2 Tieftöner von Heco. Zunächst hörte ich die Lautsprecher verkabelt und mit Frequenzweiche „einfach so“, d.h. ohne Box, einfach weil ich kein Holz hatte. Ich wunderte mich zwar über die Reinheit des Klangs und das körperlose der Darbietung, aber natürlich fehlte der Bass. Einen Dual-Plattenspieler, sogar schon mit Magnetsystem, hatte ich mir auch organisiert. Nur leider fehlte der Phono-Vorverstärker bzw. der entsprechende Eingang an meinem Tonbandverstärker. Also fummelte ich mir die offenen Heco-Kopfhörer mit den grauen Plastikbügeln, deren Bezeichnung ich vergessen habe, die aber sehr bekannt waren, irgendwie direkt an das Signalkabel des Plattenspielers und versuchte, möglichst viel zu hören. Es war sehr, sehr leise aber es ging. Pink Floyd, so gehört, ist eine Erfahrung.

Ich wurde älter, beschäftigte mich mit Drogen und dem Phänomen der Abhängigkeit und entdeckte, daß ich eine gewisse Abhängigkeit von Musik entwickelt hatte. Aber ich wollte von nichts und niemand abhängig sein und verkaufte also alles. Diese Abstinenz hielt etwa ein halbes Jahr. Das Geld war inzwischen weg und selbst gebrauchte Sachen konnte ich mir nicht leisten. In meiner Not bin ich dem Bücherbund beigetreten, weil die für Mitglieder einen transportablen Radiorecorder mit eingebautem Wecker für kleines Geld verkauften, der genau in mein nun bescheidenes Anforderungsprofil paßte. „Nichts hält länger als ein Provisorium“ sagt mein Zahnarzt und so blieb ich bei dieser Lösung bis – das erzähle ich vielleicht in einem 2.Teil.

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Beitragvon Zwodoppelvier » 10.03.2015, 18:17

Hallo Luki,

eine herrliche Geschichte - bei der ich mich in vielen Details wiederfinde. :wink: :mrgreen:
Ja, es war schon eine etwas harte Zeit damals, an die "richtige" Musik zu kommen und diese auch nach eigenem Gusto ans Ohr zu bringen. Wenn man sieht, wie die Kinder mal eben mengenmässig Songs auf ihren MP3-Plärrer laden - die können sich das gar nicht vorstellen. Kommentare wie "Ach Papa, so war das bei EUCH damals; das muß eine schreckliche Zeit gewesen sein..." - NEIN, diese Zeit möchte ich niemals missen!

Viele Grüße
Eberhard
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Beitragvon aktivator » 10.03.2015, 18:21

Hallo Luki

Da hab beim durchlesen richtig eine Zeitreise mit dir gemacht. Sehr emotional geschrieben. Ich möchte die Anfänge unserer Musikzeit auch nicht missen.

Danke Gruß Andreas
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Beitragvon music is my escape » 10.03.2015, 18:28

Hi Luki,

Ganz wunderbar geschrieben; ich freue mich auf die Fortsetzung!

VG,
Thomas
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Beitragvon Octagon » 10.03.2015, 22:26

Hallo Luki,

Wunderbar, danke!

Viele Grüße
Thomas
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Beitragvon Hans-Martin » 10.03.2015, 23:58

Hallo Luki

eine schöne Erinnerung, auch an die Sendung „Musik für junge Leute" oft mit Henning Venske und „nach der Schule“ vom NDR, die 14 Uhr begann, um halb 3 von Nachrichten unterbrochen wurde und um 14:45 vom "Wunschkonzert" abgelöst wurde, wo ich dann doch lieber abgeschaltet habe und noch einmal mein gerade aufgezeichneten "Funde" vom Telefunken Röhrentonbandgerät abhörte, ein Geschenk von meinem Onkel zur Konfirmation. Die Wiedergabe erfolgte über einen 20cm Breitbandlautsprecher aus einem abgewrackten Fernsehschrank, der eine - in meinem Fall - Dixan Waschmitteltrommel als Senkrechtstrahler abschloss und in meinem Dachzimmer mit den Schrägen einen raumfüllenden Klang brachte. Mit dem Ersa Tip 30 Lötkolben und seiner Dauerlötspitze konnte ich schon ordentliche Lötstellen zustandebringen, und dann ging es qualitativ stetig aufwärts, und bald in Stereo (nur bei Schallplatte, bei mir Led Zeppelin I).

Grüße Hans-Martin
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