Oliver (Lautsprecherbau aktiv/passiv)

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Oliver (Lautsprecherbau aktiv/passiv)

Beitragvon O.Mertineit » 07.05.2012, 13:12

Hallo liebe "aktives-hören.de" Gemeinde,

ich bin im Hauptberuf IT-Consultant und beschäftige mich seit nunmehr 30 Jahren mit Hifi, insbesondere mit Lautsprechern. Wie kam ich zu dieser Beschäftigung?

Es gab sicher mehrere prägende Einflüsse ...

Im Alter von 16 Jahren baute ich meine ersten Lautsprecher, eine 2-Wege Eigenkonstruktion, die - mit mehr Glück als Sachverstand - relativ gut gelang und die ich einem Mitschüler quasi gegen Materialkosten baute.

"Nachbauen" ging bei mir einfach nicht, ich habe von Anfang an selbst konstruiert, auch wenn die Kenntnisse, die ich anfangs aus den Büchern von Heinz Herbert Klinger bezog, sicher etwas dünn waren ...

Aber Kenntnisse kann man mit der Zeit vertiefen, und so begann eine jahrzehntelange Beschäftigung mit der Materie.

Schon vor meiner Abiturzeit hatte hatte ich dann Kontakt zu einem High End Händler, in dessen Laden ich in Freistunden und beim Warten auf den nächsten (oder übernächsten, oder ...) Bus nach Hause eine Menge Zeit (mit Hören ...) verbrachte.

Der Laden in Darmstadt gehörte damals Götz Gemkow, der auch in einigen Foren bekannt ist. Ich möchte deshalb hier aber keine Diskussion über Kabelphilosophien anfangen ... Herr Gemkow ist in seinen Ansichten sicher hier und da umstritten. Ich selbst schätze ihn persönlich sehr - auch aus besagter Historie heraus - und das lässt auch Raum für gelegentliche Abweichungen in der Meinung zu technischen Belangen.

Erwähnt werden sollte aber, daß ich durch diesen Kontakt eine vielzahl unterschiedlicher High End Lautsprecher bereits in sehr jungen Jahren unter guten Bedingungen hören und vergleichen konnte. Auch entwickelte sich ein Gespür für Einflüsse unterschiedlicher Lautsprecheraufstellungen und Konfigurationen von Anlagen.

Unter den Lautsprechern waren u.a. Produkte von

- Quad
- Beveridge
- Lowther
- Magneplanar
- KEF

um nur einige zu nennen. Auch gab es einige kleinere Hersteller oder aktive "Selbstbauer", die zum Teil attraktive Modelle herstellten.

Durch Studium und Beruf geriet die Zeit etwas knapper, aber ich habe die Beschäftigung mit HiFi nie aufgegeben. Das menschliche Hören - insbesondere auch das räumliche Hören - blieb für mich ein Hauptinteressengebiet, das ich auch weiterverfolgt habe als ich im Rahmen meines Informatik- und Phonetikstudiums Ende der 80'er mit dem wissenschaftlichen Zentrum der Firma IBM in Heidelberg in Kontakt kam.

Ich arbeitete dort bereits als Student im Team von Dr. Klaus Wothke an Modellierungen der Phonemstruktur der deutschen Sprache, welche in das damalige "Tangora" Projekt einflossen: Es handelte sich um einen Prototypen für das erste Spracherkennungssystem für Deutsch mit einem Wortschatz von mehreren Tausend Wörtern, was zum damaligen Stand der Rechnertechnik eine große Herausforderung war.

Durch diese Tätigkeit und das Studium wurde ich auch früh mit digitalen Signalanalysesystemen vertraut. Durch die Phonetik lernt man ohnehing einiges über das menschliche Gehör als Mustererkennungssystem in der Sprachverarbeitung. Wusstet Ihr beispielsweise, dass wenn man aus dem Wort "reißen" den "s" Laut durch geschicktes Schneiden sukzessive verkürzt, man die Worte "reitzen" und "reiten" erzeugen kann, ohne daß ein unvorgeingenommener Proband dies gewöhnlich als Manipulation wahrnimmt?

In der erzeugten Schwingungsform weichen die künstlichen Worte deutlich von "wirklich gesprochenen"
ab, aber das interessiert unsere Sprachwahrnehmung je nach Situation nur bedingt. Es hat deshalb auch seinen Grund, das Tonaufzeichnungen vor Gericht immer heikle "Beweismittel" sind,
die nicht immer zugelassen werden. Gerade in der Wahrnehmung von Sprachlauten ist der kategorielle Charakter der Perzeption überdeutlich.

Bei der Wahrnehmung von Musik befindet sich der Mensch sicher in einem anderen "Modus", aber es ist offenkundig, daß unser Gehör nicht zuletzt ein Organ zur Sprachwahrnehmung ist. Viele Eigenschaften u.a.

- die selektive Empfindlichkeit für verschiedene Frequenzen im Hörschallbereich
- Zeitfenster in der Verarbeitung von "akustischem Kontext"
- ...

deuten darauf hin. Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, was eine schöne Brücke zum Namen dieses Forums ist. Wahrnehmung wird unter anderem getrieben von

- impliziten und expliziten Erwartungen
- dem situativen Kontext
- der Verknüpfung von Wahrnehmungen über verschiedene Sinne hinweg
- ...

Ich sage manchmal nicht ganz aus Spass: Der gemeinste Test für einen Lautsprecher ist die Wiedergabe eines Nachrichtensprechers, auch weil es relativ flott geht. Klingt es nach Lautsprecher oder wie ein menschlicher Sprecher (immer eine geeignete Aufnahme vorausgesetzt)?

Es ist frappierend, wieviele Systeme daran scheitern, ganz unabhängig von der Preisklasse:

- Unnatürliche Zischlaute
- Hohlraumresonanzen im Bass- und Grundtonbereich
- "aufgedickter Bass" im Hörraum.

sind hörbare Artefakte, die oft vorkommen. Soviel hat sich daran in den letzten 30 Jahren m.E. nicht geändert, auch wenn es immer wieder rühmliche Ausnahmen gibt.

Ich wollte immer ohne solche Artefakte Musik hören - nein, nicht bloß Nachrichten - und bin dadurch zum Lautsprecherkonstrukteur neben meinem Hauptberuf geworden.

Beim menschlichen Gehör liegen enorme Differenzierungsfähigkeit und völlige "Gleichgültigkeit" oft erstaunlich nahe beieinander. Ohne diese Zusammenhänge zu hinterfragen, ist es kaum möglich gute HiFi Anlagen zu entwickeln. Denn es geht am Ende immer um die Wahrnehmbarkeit bestimmter Artefakte (z.B. bestimmter gemessener "Fehlergrößen").


Viel Grüße aus Darmstadt

Oliver Mertineit
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Beitragvon O.Mertineit » 07.05.2012, 13:32

O.Mertineit hat geschrieben:Wusstet Ihr beispielsweise, dass wenn man aus dem Wort "reißen" den "s" Laut durch
geschicktes Schneiden sukzessive verkürzt, man die Worte "reitzen" und "reiten" erzeugen kann,
ohne daß ein unvorgeingenommener Proband dies gewöhnlich als Manipulation wahrnimmt ?

orthographisch natürlich: reißen > reizen > reiten

phonetische Entsprechung (in "quasi" Lautschrift): [raisen] -> [raitsen] > [raiten]

[s] wäre stimmloses (="scharfes") "s"
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Beitragvon Rudolf » 07.05.2012, 14:54

Hallo Oliver,

vielen Dank für deine tolle Vorstellung. Es freut mich sehr, dass du meiner Einladung in unser Forum nachgekommen und bereit bist, mit uns einen sehr interessanten Beitrag aus deiner Feder zu diskutieren:

Hörpräferenzen und Lautsprechertechnik

Aber auch jenseits dieses Themas wünsche ich dir viele spannende Momente bei uns!

Viele Grüße
Rudolf
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Rudolf
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